Das Geheimnis des Seins

Das wahre Leben atmet Frohsinn, es schwingt auf der göttlichen Wellenlänge und ist so wundervoll, dass es unser Staunen verdient, denn die Natur spielt sich im Grunde ohne unser Zutun ab. Wenn es das Mystische nicht gäbe, würde die Existenz ihre Berechtigung verlieren, erst im Zusammenspiel mit dem Unbekannten empfinden wir das Dasein im umfassenden Sinn. Ohne das Neue wäre es sinnlos, etwas erforschen zu wollen; es gäbe nur das Altbekannte und keine Innovation. Albert Einstein bemerkt diesbezüglich: „Wenn man nicht gegen den Verstand verstößt, kann man zu überhaupt nichts kommen“. Darauf deutet auch eine Textpassage aus seinem bekannten Glaubensbekenntnis hin:

„Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen“.

Ähnlich äußert sich auch der Physiker Werner Heisenberg, der einen Nobelpreis für seine fundamentalen Aussagen zur Quantenmechanik bekam: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“. Auch der Physiker Richard Feynman, der einen Nobelpreis für seine Beiträge zur Quantenelektrodynamik erhielt, formuliert ein wundervolles Statement: „Die Energie in einem einzigen Kubikmeter Raum reicht aus, um alle Ozeane der Welt zum Kochen zu bringen“.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, dessen Tractatus Logico-Philosophicus vielleicht eines der rationalsten Lehrbücher ist, die jemals geschrieben wurden, beschreibt das Geheimnis des Seins auf den letzten Seiten dieses Werks wie folgt: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische. Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinweg gestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist). Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“.

Weiß Gott verschlägt es uns die Sprache, wenn wir in das Geheimnisvolle eintauchen: Billionen von Geschehnissen mussten so passieren, wie sie passiert sind, um als Mensch geboren zu werden. Mutter Natur hat uns auf der Erde, auf der Alles mit Allem verbunden ist, fürsorglich umgeben mit Hilfsmitteln, ohne die unser persönliches Leben unmöglich wäre. Wir benötigen Sonnenenergie, atmosphärischen Druck, Schwerkraft,  Atemluft, Nahrungsmittel, um nur Einige zu nennen; und die Natur tut ihr Bestes, damit die Menschheit fortbestehen kann.

Wenn wir den faszinierenden Mikrokosmos unseres leiblichen Körpers unter die Lupe nehmen, können wir sehen, dass sich dort in jeder Sekunde rund 10 Millionen Zellteilungen abspielen, und dass in allen Atomen „gähnende Leere“ herrscht (es gibt im Grunde keine feste Materie, nur die Aktivität der fundamentalen Wechselwirkungen). Und keines der Atome, die nun die Körperform erscheinen lassen, war bei unserer Geburt dabei - vielleicht war ein Kohlenstoff-Atom unseres Herzmuskels vor ganz vielen Jahren im Ohr eines Dinosauriers beheimatet?

Wenn wir auf der Erde, die gerade mit etwa 30 km pro Sekunde durch unsere Heimatgalaxie rast, ins Fernglas schauen, können wir sehen, dass unsere Milchstraße einen Weltraum umfasst, der so groß ist, dass ein Lichtstrahl 100.000 Jahre unterwegs wäre, um diese Strecke zu durchqueren. Und unsere sonnige Sterneninsel ist nur ein Staubkorn in den unvorstellbaren Weiten des Alls. Nach Schätzungen von Astronomen soll es 130 Trilliarden selbstleuchtende Sterne geben, zwischen denen unzählige kosmische Körper ihre stillen Bahnen ziehen.

Okay - und wenn wir nun zurückzoomen in den wahrnehmbaren Mesokosmos, kommen wir auch nicht um die wissenschaftliche Annahme herum, dass die persönliche Welt im Gehirn interpretiert wird. Es ist paradox, denn wir schauen nicht auf einen Regenbogen, unser geistiges Oberstübchen erschafft seine wahre Farbenpracht. Außerhalb des Gehirns gibt es keine Farben, Geräusche oder Gerüche. Wohin wir auch immer gehen auf unserem Lebensweg; wir kennen nicht die Welt „an sich“, sondern die Welt „für uns“, die sozusagen im Auge des Betrachtenden liegt.

Und der springende Punkt ist die Frage, die sich aus der Fülle der Erkenntnisse ergibt: Was erschafft die persönliche Welt, da unter der Schädeldecke keine greifbaren Sinneseindrücke, sondern feuernde Neuronen zu finden sind? Viele Wissenschaftler glauben, dass der Funkverkehr zwischen dem Gehirn im Kopf und dem enterischen Nervensystem im Bauch auch eine Rolle spielt - denn das Kopfhirn ist ein Beziehungsorgan.

Es gibt wohl mehrere Hotspots im universellen Netzwerk, die alles Erdenkliche in Erscheinung bringen, und das Welträtsel des phänomenalen Bewusstseins (Qualia-Problem) bleibt geheimnisvoll, denn es ist ein schwarzes Loch, in das die Wissenschaftler noch länger hineinschauen und nach Meinung einiger Skeptiker nie ausleuchten werden. Denn Wissenschaft ist eine menschliche Eigenschaft, die ihren Wissensdurst immer wieder stillt, um neues Wissen und neue Rätsel zu schaffen, und die wohl nie an ihr Ende kommt, solange die Menschheit lebt.

Zum guten Schluss möchte dieser Textbeitrag darauf hinweisen, dass sich alle Glaubensmuster in Luft auflösen, wenn wir uns auf den pfadlosen Weg der Selbstergründung machen. Wenn das materialistische Weltbild vor unseren Augen zerbröselt, können sich Ängste und Selbstzweifel wie durch Zauberhand in Liebe und Urvertrauen verwandeln und können eine Freiheit erlangen jenseits aller Konzepte von Freiheit. Georges Gurdjieff beschreibt die spirituelle Erlösung wie folgt: „Damit ein Mensch im Gefängnis überhaupt je eine Fluchtmöglichkeit haben kann, muss er zu allererst erkennen, dass er im Gefängnis ist. Solange er das nicht einsieht, solange er sich für frei hält, hat er überhaupt keine Möglichkeit.“