Die Liebe zur Weisheit

Ein weises Leben lässt uns durchatmen und schenkt uns Einfühlungsvermögen, um den Lebensweg friedlich und liebevoll zu meistern. Das Bedürfnis nach gelebter Weisheit ist ein natürliches Verlangen der Existenz, nur im zeitlosen Hier und Jetzt können wir uns selbst ein Licht sein. Die Schriftstellerin Pearl S. Buck umschreibt es so: „Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen“.

Tatsächlich müssen wir das Wunder des Lebens in seinem kreativen Entfaltungsdrang nicht begrenzen und können alte Glaubensmuster, die vor Jahr und Tag notwendig waren, zu gegebener Zeit auflösen. Wir würden wohl noch in finsteren Höhlen wohnen, wenn wir nicht seit dem Ursprung der menschlichen Evolution das ständige Bedürfnis hätten, höher zu schreiten, um uns persönlich zu entwickeln und zu reifen.

Die Liebe zur Weisheit führt uns zum Berg der Erkenntnis, den wir wagemutig erklimmen können, denn dort oben kommt die nackte Wahrheit ans Licht. Der Lebensphilosoph Friedrich Nietzsche bringt diesbezüglich die folgenden Sätze zu Papier: „Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst. Entweder du kommst schon heute weiter hinauf, oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.“

Beim Aufstieg sind Intuition und Vernunft die Steigeisen des Erkenntnisgewinns, die den Ballast aus dem Rucksack entfernen. Das Einheitserlebnis auf dem Gipfel ist göttlich, denn über den Wolken des Aberglaubens erfrischt uns die Weisheit mit einem neuen Schwung, der geistige Klarheit mit sich bringt. Wahrhaftig sollte die Tür des Geistes nie verschlossen und die Tür des Herzens immer offen sein.

Hermann Hesse bringt es in seinem Werk Siddhartha auf den Punkt: „ Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit. Scherzest du? fragte Govinda. Ich scherze nicht, ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben hat.

Einen Stein kann ich lieben, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge, und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum sind Lehren nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche, keine Farben, kein Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch Erlösung und Tugend, auch Sansara und Nirwana sind bloße Worte. Es gibt kein Ding, das Nirwana wäre; es gibt nur das Wort Nirwana.“