Die Mystik des Seins

Das Geheimnisvolle atmet Stille und ist so faszinierend, dass es unser Staunen verdient, denn die göttliche Natur spielt sich im Grunde ohne unser Zutun ab. Wenn es die Mystik des Seins nicht gäbe, würde die Existenz ihre Berechtigung verlieren, erst im Zusammenspiel mit dem Irrationalen empfinden wir das Dasein im umfassenden Sinn. Ohne das Geheimnisvolle wäre es sinnlos, etwas erforschen zu wollen; es gäbe nur das Altbekannte und keine Innovation. Albert Einstein machte dazu folgendes Statement: „Wenn man nicht gegen den Verstand verstößt, kann man zu überhaupt nichts kommen“. Darauf deutet auch eine Textpassage aus seinem Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1932 hin:

„Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen“.

Ähnlich äußerte sich auch der Physiker Werner Heisenberg, der einen Nobelpreis für seine fundamentalen Aussagen zur Quantenmechanik bekam: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“. Auch der Physiker Richard Feynman, der einen Nobelpreis für seine interessanten Beiträge zur Quantenelektrodynamik erhielt, formulierte ein wundervolles Statement: „Die Energie in einem einzigen Kubikmeter Raum reicht aus, um alle Ozeane der Welt zum Kochen zu bringen“. Und Pearl S. Buck, die einen Nobelpreis für Literatur erhielt, umschreibt es so: „Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen“.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, dessen „Tractatus Logico-Philosophicus“ vielleicht eines der rationalsten Lehrbücher ist, die jemals geschrieben wurden, beschreibt das erstaunliche Geheimnis des Seins auf der letzten Seite dieses Werkes wie folgt: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische. Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinweg gestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist). Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“.

Weiß Gott verschlägt es uns die Sprache, wenn wir wagemutig in das Geheimnisvolle eintauchen: Billionen von Geschehnissen mussten so passieren, wie sie passiert sind, um als Mensch geboren zu werden. Mutter Natur hat uns auf der Erde, auf der Alles mit Allem verbunden ist, fürsorglich umgeben mit Hilfsmitteln, ohne die unser persönliches Leben unmöglich wäre. Wir benötigen Sonnenenergie, atmosphärischen Druck, Schwerkraft,  Atemluft, Nahrungsmittel, um nur Einige zu nennen; und die Natur tut ihr Bestes, damit die Menschheit fortbestehen kann.

Wenn wir den Mikrokosmos unseres leiblichen Körpers unter die Lupe nehmen, können wir sehen, dass sich dort in jeder Sekunde rund 10 Millionen Zellteilungen abspielen, und dass in allen Atomen „gähnende Leere“ herrscht (es gibt im Grunde keine feste Materie, nur die Aktivität der fundamentalen Wechselwirkungen). Und keines der Atome, die nun die Körperform erscheinen lassen, war bei unserer Geburt dabei - vielleicht war ein Kohlenstoff-Atom unseres Herzmuskels vor ganz vielen Jahren im Ohr eines Dinosauriers beheimatet?

Wenn wir auf der Erde, die gerade mit etwa 30 km pro Sekunde durch unsere Heimatgalaxie rast, ins Fernglas schauen, können wir sehen, dass unsere Milchstraße einen Weltraum umfasst, der so groß ist, dass ein Lichtstrahl 100.000 Jahre unterwegs wäre, um diese Strecke zu durchqueren. Und unsere sonnige Sterneninsel ist nur ein Staubkorn in den unvorstellbaren Weiten des Alls. Nach Schätzungen von Astronomen soll es 130 Trilliarden selbstleuchtende Sterne geben, zwischen denen unzählige kosmische Körper ihre stillen Bahnen ziehen.

Okay - und wenn wir nun langsam zurückzoomen in unseren wahrnehmbaren Mesokosmos, kommen wir auch nicht um die wissenschaftliche Annahme herum, dass die persönliche Welt im menschlichen Gehirn interpretiert wird. Es ist paradox, denn wir schauen nicht nur auf einen Regenbogen, wir erschaffen ihn gleichzeitig auch. Außerhalb des Gehirns gibt es keine Farben, Geräusche oder Gerüche. Wohin wir auch immer gehen auf unserem Lebensweg; wir kennen nicht die Welt „an sich“, sondern die Welt „für uns“, die im Auge des Betrachtenden liegt.

Und der springende Punkt ist die Frage, die sich aus der Fülle der Erkenntnisse ergibt: Was erschafft die persönliche Welt, da unter der Schädeldecke keine greifbaren Sinneseindrücke, sondern feuernde Neuronen zu finden sind? Viele Wissenschaftler glauben, dass der Funkverkehr zwischen dem Gehirn im Kopf und dem enterischen Nervensystem im Bauch auch eine Rolle spielt - denn das Kopfhirn ist ein Beziehungsorgan.

Es gibt wohl mehrere Hotspots im universellen Netzwerk, die alles Erdenkliche in Erscheinung bringen, und das Welträtsel des phänomenalen Bewusstseins (Qualia-Problem) bleibt geheimnisvoll, denn es ist ein schwarzes Loch, in das die Wissenschaftler noch länger hineinschauen und nach Meinung einiger Skeptiker nie ausleuchten werden. Denn Wissenschaft ist eine menschliche Eigenschaft, die ihren Wissensdurst immer wieder stillt, um neues Wissen und neue Rätsel zu schaffen, und die wohl nie an ihr Ende kommt, solange die Menschheit lebt.

Wenn wir uns auf den pfadlosen Weg zur Selbsterforschung machen, können sich alle Glaubensmuster in Luft auflösen. Wenn das materialistische Weltbild durch den Wandel vom Haben zum Sein in Sternenstaub zerfällt, können wir eine Freiheit erlangen jenseits aller erdenklichen Konzepte von Freiheit. Georges Gurdjieff beschreibt es so: „Damit ein Mensch im Gefängnis überhaupt je eine Fluchtmöglichkeit haben kann, muss er zu allererst erkennen, dass er im Gefängnis ist. Solange er das nicht einsieht, solange er sich für frei hält, hat er überhaupt keine Möglichkeit.“

Zum guten Schluss möchte dieser Textbeitrag darauf hinweisen, dass auf der göttlichen Wellenlänge das Geheimnisvolle schwingt, das eingestimmt ist auf ewiges Leben, und dass wir durch den Reiz des Verborgenen über uns selbst hinauswachsen können. Wenn wir die Mysik des Seins zu Herzen nehmen, fällt das Ego in Gottes Hand und wir erblicken das goldene Band der Menschlichkeit, das uns über die Mauern des Denkens hinweg friedlich vereint. Wenn wir nicht um Tausend Ecken denken, läuft das Leben rund und Mutter Erde macht einen Freudentanz.