Eine kurze Geschichte

Es kam ein Mensch in meine philosophische Praxis, der ein Problem mit seinem Selbstwertgefühl hatte. Ich schaute ihm in die Augen und sagte: „Du bist vollkommen in Ordnung.“ Er fing an zu weinen und erwiderte: „Du bist der Erste, der das zu mir sagt, alle anderen kritisieren mich, und das macht mich unruhig. Ich fühle mich nicht mehr richtig wohl in meiner Haut.“ Ich antwortete ihm: „Ruht nicht der Same der Eiche in der Eichel? Ruht nicht der Funke Gottes im Mensch? Entfalte deinen geistigen Wesenskern, denn der Mensch ist geschaffen, um vollkommen zu sein.

Erforsche dich ehrlich, um mit dir ins Reine zu kommen. Nutze die Meditation, die dich zur Stille des Geistes führt, die nicht von der Flut der Gedanken berührt wird. Wenn das überflüssige Denken verebbt, bist du dir selbst ein Licht und findest inneren Frieden. Dann kannst du das Wunder des Lebens wertschätzen, das gerade jetzt innerhalb und außerhalb von dir geschieht. Dann kannst du ein unverkopftes Dasein empfinden, das einfach göttlich ist.“

Er lächelte schüchtern, schüttelte mir lange die Hand und verließ dann meinen Praxisraum. Ich sah ihn nie wieder, doch nach Jahren erreichte mich eine Postkarte von ihm mit folgendem Inhalt: „Lieber Johann, ich habe mein innerstes Herz gesehen und fühle keine Scham mehr. Ich lass die Leute von der Welt reden, was sie wollen, ich bleibe ruhig. Ich habe erkannt, dass es zwei Sorten in der Menschheit gibt. Die einen, die sehr viel reden und die anderen, die ihren Frieden gefunden haben. Ich bin nun ein stiller Mensch. Herzliche Grüße sendet dir Hubert.“

Die Moral von der Geschichte hat der Theologe und Philosoph Meister Eckhart in dem Werk Deutsche Predigten und Traktate sehr schön in Worte gekleidet: „Lausche (denn) auf das Wunder! Wie wunderbar: draußen stehen wie drinnen, begreifen und umgriffen werden, schauen und (zugleich) das Geschaute selbst sein, halten und gehalten werden - das ist das Ziel, wo der Geist in Ruhe verharrt, der lieben Ewigkeit vereint.“