Erlesene Literaturtipps

„Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest. Und lass dir jeden Tag geschehen, so wie ein Kind im Weitergehen, von jedem Wehen, sich viele Blüten schenken lässt.“ Dieser Vers stammt aus dem Werk Die Gedichte / Mir zur Feier von Rainer Maria Rilke. Viele aufschlussreiche Werke, die uns Schriftsteller aus aller Welt hinterlassen haben, warten auf ihre Leserschaft, und nachfolgend finden sich einige Textstellen aus lesenswerten Büchern.

Was nicht in euren Lesebüchern steht / Erich Kästner

Euch ist bänglich zumute, und man kann nicht sagen, dass euer Instinkt tröge. Eure Stunde X hat geschlagen. Die Familie gibt euch zögernd her und weiht euch dem Staate. Das Leben nach der Uhr beginnt, und es wird erst mit dem Leben selber aufhören. Das aus Ziffern und Paragraphen, Rangordnung und Stundenplan eng und enger sich spinnende Netz umgarnt nun auch euch. Seit ihr hier sitzt, gehört ihr zu einer bestimmten Klasse. Noch dazu zur untersten. Der Klassenkampf und die Jahre der Prüfungen stehen bevor. Früchtchen seid ihr, und Spalierobst müsst ihr werden! Aufgeweckt wart ihr bis heute, und einwecken wird man euch ab morgen! So, wie man's mit uns getan hat. Vom Baum des Lebens in die Konservenfabrik der Zivilisation, - das ist der Weg, der vor euch liegt. Kein Wunder, dass eure Verlegenheit größer ist als eure Neugierde.

Der gesamte Text ist hier zu lesen: Ansprache zum Schulbeginn / Erich Kästner


Das Buch des Mirdad / Mikhaïl Naimy

Mirdad: Wieder einmal heiße ich euch in eurem Nest willkommen, meine jungen Vögel. Sprecht eure Gedanken und Wünsche vor Mirdad aus. Micayon: Unser einziger Gedanke und Wunsch ist es, bei Mirdad zu sein, damit wir seine Wahrheit empfinden und hören können, vielleicht werden wir so schattenlos wie er. Sein Schweigen indessen bedrückt uns alle. Haben wir ihn auf irgendeine Weise beleidigt? Mirdad: Nicht um euch von mir zu entfernen, habe ich drei Tage geschwiegen, sondern vielmehr, um euch mir näherzubringen. Ihr könnt mich nicht beleidigen. Wer immer den unbesiegbaren Frieden des Schweigens kennt, der kann niemals beleidigt werden noch jemanden beleidigen. Micayon: Ist Schweigen besser als Sprechen? Mirdad: Die Sprache ist bestenfalls eine ehrliche Lüge. Dagegen ist das Schweigen schlimmstenfalls eine nackte Wahrheit. Abimar: Sollen wir daraus schließen, daß sogar Mirdads Worte, obwohl ehrlich, nun Lügen sind? Mirdad: Ja gewiß, sogar Mirdads Worte sind nur Lügen für alle, deren Ich nicht dem seinen gleich ist. Bis all eure Gedanken aus einem Steinbruch gebrochen werden und alle Wünsche derselben Quelle entspringen, werden eure Worte, obwohl ehrlich, nur Lügen sein. Wenn euer Ich und das meine eins sind, so wie das meine und das Ich Gottes eins sind, werden wir uns von Worten befreien und uns in wahrheitserfülltem Schweigen vollkommen mitteilen.


Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn / Viktor Frankl

Wenn ich an einem grauen Star leide, dann nehme ich ihn in Form eines Nebels wahr, den ich sehe, und wenn ich an einem grünen Star erkrankt bin, dann sehe ich, rings um die Lichtquellen, einen Hof von Regenbogenfarben. So oder so, in dem Maße, in dem das Auge etwas von sich selbst sieht, ist das Sehen auch schon gestört. Das Auge muß sich selbst übersehen können. Und genauso verhält es sich mit dem Menschen. Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergißt, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität.


Der Prophet / Khalil Gibran

Und eine Frau sprach und sagte: Erzähle uns vom Schmerz. Und er sagte: Euer Schmerz ist das Aufbrechen der Schale, die euer Verstehen umschließt. Ebenso wie der Stein des Pfirsichs aufbrechen muss, damit sein Herz sich in die Sonne erheben kann, so müsst auch ihr den Schmerz erfahren. Und könntet ihr in eurem Herzen das Staunen über die täglichen Wunder eures Lebens wachhalten, erschiene euch der Schmerz nicht weniger wunderbar als eure Freude. Und ihr würdet die Jahreszeiten eurer Seele ebenso annehmen, wie ihr von jeher die Jahreszeiten angenommen habt, die über eure Felder ziehen. Und ihr würdet die Winter eures Kummers mit heiterer Gelassenheit durchwachen. Euer Schmerz ist großenteils selbst erwählt. Er ist der bittere Trank, mit dem der Arzt in euch euer krankes Selbst heilt. Vertraut also dem Arzt und trinkt seine Medizin ruhig und schweigend. Denn seine schwere und harte Hand gehorcht der sanften Hand des Unsichtbaren. Und der Becher, den er euch reicht, verbrennt euch zwar die Lippen, doch er ist aus dem Ton geformt, den der Töpfer mit seinen eigenen heiligen Tränen benetzte.


Ihr werdet sein wie Gott / Erich Fromm

Wenn der Mensch die Kluft überwunden hat, die ihn von seinem Mitmenschen und von der Natur trennt, wird er mit denen, von denen er bisher getrennt war, in echtem Frieden leben. Um zum Frieden zu gelangen, muß der Mensch zuerst zum Einswerden hinfinden; der Friede ist das Resultat einer inneren Veränderung des Menschen, bei der die Vereinigung an die Stelle der Entfremdung getreten ist. So ist die Idee des Friedens in der Auffassung der Propheten nicht von der Idee der Verwirklichung der Humanität zu trennen. Friede ist mehr als Nicht-Krieg; er bedeutet Harmonie und Vereinigung aller Menschen, Überwindung der Abgesondertheit und Entfremdung.


Psychologie des Seins / Abraham Maslow

Wir begegnen einem schwierigen Paradox, wenn wir versuchen, die komplexe Haltung der wachstums-orientierten, selbst-verwirklichenden Person gegenüber dem eigenen Selbst oder Ich zu beschreiben. Gerade die Person, deren Ich-Stärke am höchsten ist, vergisst oder transzendiert am leichtesten das Ich; sie kann am meisten problembezogen, selbstvergessen, spontan in ihren Aktivitäten, homonom sein, um Angyals Begriff zu verwenden. In solchen Menschen kann das Aufgehen im Wahrnehmen, im Machen, im Genießen, im Schöpferischen sehr vollständig, integriert und rein sein. Diese Fähigkeit, sich auf die Welt zu konzentrieren und nicht selbstbefangen, egozentrisch und befriedigungsorientiert zu sein, wird um so schwieriger, je mehr Bedürfnis-Defizite ein Mensch hat. Je wachstums-motivierter er ist, um so problembezogener kann er sein und um so mehr kann er die Selbstbefangenheit zurücklassen, wenn er es mit der objektiven Welt zu tun hat.


Der Ego-Tunnel / Thomas Metzinger

Eines der spannendsten neuen Forschungsgebiete in der Psychologie ist das sogenannte Mind Wandering. Unser Geist wandert. Er wandert viel häufiger als die meisten von uns denken, nämlich bis zu 50 Prozent unseres Wachlebens, und wir zahlen einen hohen Preis dafür. Mind Wandering wirkt sich negativ auf die Stabilität unseres geistigen »Arbeitsspeichers« und auf mathematische Fähigkeiten aus, aber etwa auch auf die Sicherheit beim Autofahren und eine Vielzahl anderer Aktivitäten, bei denen es wichtig ist, dass man den Kontakt zum Jetzt nicht verliert.


Jetzt - Die Kraft der Gegenwart / Eckhard Tolle

Der Verstand ist ein hervorragendes Instrument, wenn er richtig benutzt wird. Bei falschem Gebrauch kann er allerdings sehr destruktiv werden. Genauer gesagt ist es nicht so, dass du deinen Verstand falsch gebrauchst, du gebrauchst ihn normalerweise überhaupt nicht. Er gebraucht dich. Das ist die Krankheit. Du hältst dich für deinen Verstand. Das ist die Wahnidee. Das Instrument hat die Macht über dich gewonnen. [...] Jeder, der mit seinem Verstand identifiziert ist statt mit seiner wahren Stärke, dem tieferen, im Sein verankerten Selbst, wird die Angst als ständigen Begleiter haben.


Wider das Denken des Nicht-Denkens in der Philosophie / Friedrich Seibold

Es gibt keine philosophische Behauptung, die nicht wenigstens von einem der genannten Grundprobleme (der Frage nach dem Wesen des Seins, der inneren Freiheit und der Wahrheit) tangiert wird und jede Behauptung, die als solche Anspruch erhebt, wahr zu sein, ist dadurch zumindest mit der Frage nach dem Wesen der Wahrheit konfrontiert. Es sollte daher in der Philosophie selbstverständlich sein, sich in erster Linie der Lösung dieser Grundprobleme zu widmen. Nur die des Problems der Minimierung des Leidens in der Welt ist noch vordringlicher. Und dazu kann gerade die Klärung der Wahrheitsfrage wesentlich beitragen, denn um sogenannter Wahrheiten wegen kamen im Lauf der Geschichte unzählige Millionen von Menschen bis in die jüngste Gegenwart zum Teil auf qualvollste Weise zu Tode.


Einbruch in die Freiheit / Jiddu Krishnamurti

Um vollkommen, in ganzer Fülle zu leben, jeden Tag in seiner neuen Schönheit zu erleben, müssen wir uns von allem Gestrigen lösen, sonst leben wir gewohnheitsmäßig, und ein Mensch, der zum Automaten geworden ist, kann niemals wissen, was Liebe ist oder was Freiheit ist. Die meisten von uns fürchten sich vor dem Sterben, weil wir nicht wissen, was es heißt zu leben. Wir wissen nicht, wie wir leben sollen, daher wissen wir nicht, wie wir sterben sollen. Solange wir uns vor dem Leben fürchten, werden wir uns auch vor dem Tode fürchten. Der Mensch, der sich nicht vor dem Leben fürchtet, fürchtet sich nicht davor, völlig ungesichert zu sein, denn er erkennt, daß es innerlich, psychologisch keine Sicherheit gibt. Wenn keine innere Sicherheit vorhanden ist, beginnt eine endlose Bewegung, und dann sind Leben und Tod eins. Der Mensch, der ohne Konflikt lebt, dessen Leben voller Schönheit und Liebe ist, fürchtet sich nicht vor dem Tode, denn zu lieben, heißt zu sterben.


Der Tod und die Kunst des Sterbens / Bokar Rinpoche

Die Natur des Geistes aller Wesen nennt man die Essenz der Erleuchtung. Die Essenz der Erleuchtung (Skt.: tathagata) oder Buddha-Natur bezieht sich darauf, daß die Erleuchtung oder der Buddhazustand nichts Neues ist, welches dem Geist hinzugefügt werden müßte. Die Erleuchtung ist uranfänglich gegenwärtig, aber sie wird nur dann sichtbar, wenn alle Schleier, die sie bedecken, entfernt sind, mit anderen Worten, wenn die Illusion uns nicht mehr täuscht.


Die Bestimmung des Menschen / Johann Gottlieb Fichte

Die Sonne gehet auf, und gehet unter, und die Sterne versinken, und kommen wieder und alle Sphären halten ihren Zirkeltanz; aber sie kommen nie so wieder, wie sie verschwanden, und in den leuchtenden Quellen des Lebens ist selbst Leben und Fortbilden. Jede Stunde, von ihnen herbeigeführt, jeder Morgen und jeder Abend sinkt mit neuem Gedeihen herab auf die Welt; neues Leben, und neue Liebe entträufelt den Sphären, wie die Thautropfen der Wolke, und umfängt die Natur, wie die kühle Nacht die Erde. Aller Tod in der Natur ist Geburt, und gerade im Sterben erscheint sichtbar die Erhöhung des Lebens. Es ist kein tödtendes Princip in der Natur, denn die Natur ist durchaus lauter Leben; nicht der Tod tödtet, sondern das lebendigere Leben, welches, hinter dem alten verborgen, beginnt, und sich entwickelt.


Mystik / Bruno Borchert

Das Wort „Mystik“ kann so viele Bedeutungen haben, daß es schon bald nichts mehr zu bedeuten hat. Doch gibt es etwas, was einen Namen haben muß und nicht anders benannt werden kann als mit „Mystik“. Es ist ein Phänomen, das offensichtlich in allen Religionen und Kulturen vorkommt, in seinen Äußerungsformen zwar verschieden, aber im Kern überall gleich: aus Erfahrung wissen, daß alles irgendwie zusammenhängt, daß alles im Ursprung eins ist. Dieses Phänomen läßt sich vielleicht am besten von einem anderen Phänomen aus verstehen, das ebenfalls in allen Kulturen und Zeiten vorkommt: Verliebtheit. Auch Verliebtheit ist eine Erfahrung: Eine andere Welt dringt in unser Bewusstsein ein, man lernt jemanden auf eine ungewöhnliche Weise kennen, man erfährt Verbundenheit und sehnt sich nach Einswerdung.


Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie / Johann Wolfgang Goethe

In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien, es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheiten? Wir haben oben gesehen, daß diejenigen am ersten dem Irrtume unterworfen waren, welche ein isoliertes Faktum mit ihrer Denk- und Urteilskraft unmittelbar zu verbinden suchten. Dagegen werden wir finden, daß diejenigen am meisten geleistet haben, welche nicht ablassen alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung, eines einzigen Versuches, nach aller Möglichkeit durchzuforschen und durchzuarbeiten.


Das Lob der Torheit / Erasmus von Rotterdam

Wozu denn auch mit einem Haufen Naschwerk, Delikatessen und Törtchen den Bauch vollstopfen, wenn nicht ebenso Auge und Ohr, nicht ebenso Herz und Gemüt sich weiden dürften an Lachen, Scherz und Witz? Aber solche Bonbons fabriziere nur ich. Doch auch was man so gewöhnlich beim Gelage treibt - den König küren, Würfel spielen, Gesundheiten ausbringen, um die Wette den Humpen leeren, reihum ein Liedlein, einen Tanz, eine Pantomime zum besten geben - all das ist nicht von den sieben Weisen, sondern von mir zum Heil der Menschheit erfunden. Und mit all diesen Dingen steht es doch so: je stärker mit Torheit sie gewürzt sind, desto schmackhafter machen sie das Leben, und schmeckte das Leben bitter, so dürfte es gar nicht Leben heißen; bitter aber müßte es mit der Zeit werden, vermöchte man nicht, den angeborenen Ekel vor dem Dasein mit derlei Freuden hinwegzuschwemmen.


Die fröhliche Wissenschaft / Friedrich Nietzsche

Es ist genug, die Wissenschaft als möglichst getreue Anmenschlichung der Dinge zu betrachten, wir lernen immer genauer uns selber beschreiben, indem wir die Dinge und ihr Nacheinander beschreiben. Ursache und Wirkung: eine solche Zweiheit gibt es wahrscheinlich nie - in Wahrheit steht ein Kontinuum vor uns, von dem wir ein paar Stücke isolieren; so wie wir eine Bewegung immer nur als isolierte Punkte wahrnehmen, also eigentlich nicht sehen, sondern erschließen. Die Plötzlichkeit, mit der sich viele Wirkungen abheben, führt uns irre; es ist aber nur eine Plötzlichkeit für uns. Es gibt eine unendliche Menge von Vorgängen in dieser Sekunde der Plötzlichkeit, die uns entgehen. Ein Intellekt, der Ursache und Wirkung als Kontinuum, nicht nach unserer Art als willkürliches Zerteilt- und Zerstückt-sein, sähe, der den Fluß des Geschehens sähe - würde den Begriff Ursache und Wirkung verwerfen und alle Bedingtheit leugnen.


Die Welt als Wille und Vorstellung / Arthur Schopenhauer

Jedes Genie ist schon darum ein großes Kind, weil es in die Welt hineinschaut als in ein Fremdes, ein Schauspiel, daher mit rein objektivem Interesse. Demgemäß hat es, so wenig wie das Kind, jene trockene Ernsthaftigkeit der Gewöhnlichen, als welche, keines andern als des subjektiven Interesses fähig, in den Dingen immer bloß Motive für ihr Tun sehen. Wer nicht zeitlebens gewissermaßen ein großes Kind bleibt, sondern ein ernsthafter, nüchterner, durchweg gesetzter und vernünftiger Mann wird, kann ein sehr nützlicher und tüchtiger Bürger dieser Welt sein; nur nimmermehr ein Genie.


Tao-Te-King / Lao Tse

Ich tue mein Äußerstes, um leer zu werden,
und versenke mich tief in die Stille.
Die zehntausend Dinge kommen und gehen,
wenn dein Selbst darauf achtet.
Sie wachsen und blühen
und kehren zu ihrem Ursprung zurück.
Zum Ursprung zurückkehren heißt: in die Stille gehen.
In die Stille gehen heißt: zu seiner Bestimmung zurückkehren.
Zu seiner Bestimmung zurückkehren heißt: das Ewige erkennen.
Das Ewige erkennen heißt: erleuchtet sein.


Kritik der reinen Vernunft / Immanuel Kant

Alle unsere Erkenntniß hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser obersten Erkenntniskraft eine Erklärung geben soll, so finde ich mich in einiger Verlegenheit. Es gibt von ihr, wie von dem Verstande, einen bloß formalen, d. i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem Inhalte der Erkenntniß abstrahirt, aber auch einen realen, da sie selbst den Ursprung gewisser Begriffe und Grundsätze enthält, die sie weder von den Sinnen, noch vom Verstande entlehnt. Das erstere Vermögen ist nun freilich vorlängst von den Logikern durch das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede von den unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis,) erklärt worden; das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch noch nicht eingesehen. Da nun hier eine Eintheilung der Vernunft in ein logisches und transcendentales Vermögen vorkommt, so muß ein höherer Begriff von dieser Erkenntnisquelle gesucht werden, welcher beide Begriffe unter sich befaßt, indessen wir nach der Analogie mit den Verstandesbegriffen erwarten können, daß der logische Begriff zugleich den Schlüssel zum transcendentalen, und die Tafel der Functionen der ersteren zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand geben werde.


Von Allem und vom Einen / Dschalal ad-Din ar-Rumi

Wenn du einen Fehler in deinem Bruder siehst, so ist der Fehler, den du in ihm siehst, in dir selber. Die Welt ist ja gleich einem Spiegel, in dem du dein eigenes Bild siehst, denn der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen. Reinige dich von dem Fehler in dir; denn was dich im anderen schmerzt, schmerzt dich (in Wirklichkeit) in dir selber. Es heißt: Ein Elefant wurde zu einem Brunnen geführt, um dort zu trinken. Er sah sich im Wasser und scheute. Er dachte, er scheue vor einem anderen Elefanten und begriff nicht, dass er vor sich selber scheute. Alle schlechten Eigenschaften wie Unterdrückung, Hass, Neid, Gier, Unbarmherzigkeit, Lust, Zorn, Stolz - wenn sie in dir sind, schmerzt es dich nicht. Wenn du sie aber in einem anderen wahrnimmst, dann scheust du davor, und es schmerzt und verletzt dich - doch wisse, dass du vor dir selbst scheust.


Primaten und Philosophen / Frans de Waal

Unsere soziale Ausrichtung ist so offensichtlich, dass es überflüssig wäre, auf diesem Punkt herumzureiten, wenn in den Disziplinen Jura, Wirtschaft und Politik kein so auffälliger Mangel an Ursprungsgeschichten herrschte. Im Abendland gibt es die Neigung, Emotionen als verweichlicht und soziale Bindungen als chaotisch zu betrachten, so dass sich die Theoretiker lieber der Kognition als der maßgeblichen Seite menschlichen Verhaltens zugewandt haben. Wir feiern die Rationalität. Und dies, obwohl die psychologische Forschung nahe legt, dass menschliches Verhalten zuallererst aus schnellen, automatisierten emotionalen Einschätzungen herrührt und nur in zweiter Linie aus langsameren Bewusstseinsvorgängen.


Anna Karenina / Leo Tolstoi

Ich habe eine Antwort auf meine Frage gesucht. Aber eine Antwort auf meine Frage konnte mir das Denken nicht geben; es ist mit dieser Frage nicht zu messen. Das Leben selbst hat mir die Antwort gegeben durch mein Wissen darüber, was gut und was schlecht ist. Aber dieses Wissen habe ich durch nichts erworben, sondern es ist mir wie allen anderen Menschen gegeben worden, gegeben, weil ich es eben nirgendwo hätte hernehmen können. Woher habe ich dieses Wissen? Bin ich etwa durch den Verstand zu der Überzeugung gelangt, daß man seinen Nächsten lieben und nicht erwürgen müsse? Nein, sondern man hat mir das in meiner Kindheit gesagt, und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir das sagte, was schon von vornherein in meiner Seele vorhanden war. Und wer hat das entdeckt? Nicht der Verstand. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, das verlangt, daß ich alle erwürgen soll, die mich an der Befriedigung meiner Wünsche hindern. Das ist das Ergebnis des Verstandes. Aber den Satz, daß man einen anderen Menschen lieben solle, den hat der Verstand nicht entdecken können, weil dieser Satz dem Verstande zuwiderläuft.


Meditation für Skeptiker / Ulrich Ott

Diese Art der Beschäftigung mit den eigenen Gedanken soll Ihnen die Denktätigkeit als solche bewusster machen und dient zugleich der Einsicht in die Tatsache, dass Sie mehr sind als ihre Gedanken. Wenn Sie Meditation praktizieren, um Selbsterkenntnis zu erlangen, lautet die Königsfrage letztendlich: »Wer bin ich?« Die Beantwortung dieser Frage in der Meditation erfordert keinen Denkprozess, sondern einen fundamentalen Wechsel in der Wahrnehmung in einen Modus der Anschauung, der als Selbstwesensschau, Erwachen oder Erleuchtung bezeichnet wird.


Wach auf - Du bist frei / H.W.L. Poonja

Wir haben uns in der Begrenztheit eingerichtet, deshalb rühren wir nicht an Grenzenlosigkeit. Wenn uns jemand Begrenzheit aufbürdet, so stimmen wir bereitwillig zu. Alles, was Du zu erlangen wünschst, ist eine Begrenzung. Und Grenzenlosigkeit mußt du nicht wünschen, denn das bist Du bereits. Du schaffst Grenzen. Die Idee „Ich brauche Freiheit“, baut eine Wand zwischen Dir und der Freiheit auf. Beseitige das Konzept, dass es eine Wand zwischen Dir und der Freiheit gibt, und was geschieht dann? Diese Wand ist eine Vorstellung. Du musst nicht den Schutt der Mauer beseitigen.


Die Elenden / Victor Hugo

Die Algebra findet Anwendung auf die Wolken; die Strahlen der Sterne nützen der Rose; kein Denker wird zu behaupten wagen, daß der Duft des Hagedorns den Gestirnen nicht zu Gute komme. Wer vermag die Wanderungen eines Moleküls zu berechnen? Was wissen wir, ob nicht Entstehungen von Welten durch den Fall von Sandkörnern hervorgerufen werden? Wer kennt die gegenseitigen Beziehungen des unendlich Großen und des unendlich Kleinen, den Wiederhall der Ursachen in den Abgründen des Seins und die Lawinen der Schöpfung. Eine Milbe hat ihre Wichtigkeit, das Kleine ist groß, das Große klein; alles ist im Gleichgewicht kraft der Notwendigkeit. Welch eine erschreckliche Vision für den Verstand! Zwischen den Lebewesen und den Dingen bestehen wunderbare Verknüpfungen: in dem unerschöpflichen Ganzen verachtet das Hohe, das Geringe, die Sonne die Blattlaus nicht; Eines bedarf des Andern. Das Licht nimmt irdische Düfte mit in den Himmelsraum, ohne zu wissen, was es damit macht; die Nacht träufelt Sternenessenz auf die schlummernden Blumen herab. Alle Vögel, die da fliegen, tragen an ihren Pfötchen den Faden des Unendlichen mit sich. Für die Natur ist die Entstehung eines Meteors und das Herauskriechen der Schwalbe aus dem Ei ein Vorgang, für sie ist die Geburt eines Regenwurms und eines Sokrates dieselbe Arbeit. Wo das Fernrohr aufhört, beginnt die Tätigkeit des Mikroskops. Welches von Beiden sieht mehr und Größeres?


Wenn es kein Wunder war ... / Siegfried Hagl

Was sich wo auch immer im Schöpferwillen bilden mag: es formt sich nach den gleichen ewigen Gesetzen, als Abbild der gleichen „Ewigen Vorbilder“, wird bewegt von der gleichen fördernden Schöpferkraft, die immer Antrieb ist zur Aufwärtsentwicklung, Veredelung, Vervollkommnung. Meßbar ist diese Kraft mit unseren physikalischen Geräten allerdings nicht; empfinden kann sie ein Menschengeist, wenn er sich - zum Beispiel im Gebet - dafür öffnet, und „sehen“ kann sie jeder, der nicht blind oder taub an den unvergleichlichen Wundern der Natur vorbeiläuft.


Rede an den kleinen Mann / Wilhelm Reich

Ich sehe Angst in deinen Augen, denn meine Frage trifft dich tief. Du bist für „religiöse Toleranz“. Du willst, dass du frei seist, deine beliebige Religion zu lieben. Dies ist gut und schön. Doch du willst mehr als das: Du willst, dass nur nach deinem Glauben gebetet werde. Du bist tolerant für deine, aber nicht für die andere Religion. Und du wirst rabiat, wenn gar jemand die Natur, und keinen persönlichen Gott, anbetet, oder wenn er sie liebt, oder wenn er sie erkennen will. [...] Ich weiß, dass das, was du Gott nennest, wirklich existiert, aber anders, als du denkst: als kosmische Urenergie im Weltenraum, als deine Liebe im Körper, als deine Ehrlichkeit und als dein Spüren der Natur in dir und außer dir.


Der Mythos des Sisyphos / Albert Camus

Manchmal stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus - das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das "Warum", und mit diesem Überdruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. "Fängt an" - das ist wichtig. Der Überdruß steht am Ende der Handlungen eines mechanischen Lebens, gleichzeitig leitet er aber auch eine Bewußtseinsregung ein. Er weckt das Bewußtsein und fordert den nächsten Schritt heraus. Der nächste Schritt ist die unbewußte Rückkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen.


Das Glasperlenspiel / Hermann Hesse

„Du sagtest,“ meinte er, „daß du Mittel wissest, um mich glücklicher und heiterer zu machen. Aber du fragst gar nicht, ob ich das eigentlich begehre.“ „Nun,“ lachte Josef Knecht, „wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es in jedem Falle tun, mag er uns darum bitten oder nicht. Und wie solltest du es denn nicht suchen und begehren? Darum bist du ja hier, darum sitzen wir ja hier wieder einander gegenüber, darum bist du ja zu uns zurückgekehrt. Du hassest Kastalien, du verachtest es, du bist viel zu stolz auf deine Weltlichkeit und deine Traurigkeit, als daß du sie durch etwas Vernunft und Meditation erleichtern möchtest, und doch hat eine heimliche und unzähmbare Sehnsucht nach uns und unsrer Heiterkeit dich alle die Jahre geführt und gezogen, bis du wiederkommen und es noch einmal mit uns probieren mußtest.“


Was weiß der Frosch vom Ozean / Anthony de Mello

Der Kopf ist kein guter Ort für das Gebet. Er ist kein schlechter Ort, das Gebet zu beginnen. Doch wenn dein Gebet zu lange im Kopf bleibt und nicht in das Herz eindringt, wird es langsam austrocknen, lästig und frustrierend werden. Du musst lernen, den Bereich des Denkens und Redens zu verlassen und in den Bereich des Fühlens, Empfindens, der Liebe und der Intuition einzudringen. In diesem Bereich wird die Kontemplation geboren, und Gebet wird eine umwandelnde Kraft und eine Quelle von Freude und Friede, die niemals enden werden.


Deutsche Predigten und Traktate / Meister Eckhart

Die Leute sagen: »Ach, ja, Herr, ich möchte gern, daß ich auch so gut zu Gott stünde und daß ich ebensoviel Andacht hätte und Frieden mit Gott, wie andere Leute haben, und ich möchte, mir ginge es ebenso oder ich wäre ebenso arm«, oder: »Mit mir wird's niemals recht, wenn ich nicht da oder dort bin und so oder so tue, ich muß in der Fremde leben oder in einer Klause oder in einem Kloster.«

Wahrlich, darin steckt überall dein Ich und sonst ganz und gar nichts. Es ist der Eigenwille, wenn zwar du's auch nicht weißt oder es dich auch nicht dünkt: niemals steht ein Unfriede in dir auf, der nicht aus dem Eigenwillen kommt, ob man's nun merkt oder nicht. Was wir da meinen, der Mensch solle dieses fliehen und jenes suchen, etwa diese Stätten und diese Leute und diese Weisen oder diese Menge oder diese Betätigung - nicht das ist schuld, daß dich die Weise oder die Dinge hindern: du bist es selbst in den Dingen, was dich hindert, denn du verhälst dich verkehrt zu den Dingen.

Darum fang zuerst bei dir selbst an und laß dich! Wahrhaftig, fliehst du nicht zuerst dich selbst, wohin du sonst fliehen magst, da wirst du Hindernis und Unfrieden finden, wo immer es auch sei. Die Leute, die da Frieden suchen in äußeren Dingen, sei's an Stätten oder in Weisen, bei Leuten oder in Werken, in der Fremde oder in Armut oder in Erniedrigung - wie eindrucksvoll oder was es auch sei, das ist dennoch alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen völlig verkehrt, die so suchen. Je weiter weg sie in die Ferne schweifen, umso weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: je weiter der geht, um so mehr geht er in die Irre. Aber, was soll er denn tun? Er soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen. Fürwahr, ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen. Läßt der Mensch aber von sich selbst ab, was er dann auch behält, sei's Reichtum oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen.


Die Rückseite des Spiegels / Konrad Lorenz

Viele Denker, Philosophen wie Naturforscher, haben erkannt, daß der Fortschritt im organischen Werden fast immer dadurch erzielt wird, daß eine Anzahl von einander verschiedener und bis dahin unabhängig von einander funktionierender Systeme zu einer Einheit höherer Ordnung integriert wird und daß, im Verlaufe dieser Integration, Veränderungen in ihnen auftreten, die sie zur Mitarbeit in dem neu entstehenden übergeordneten System-Ganzen geeigneter macht. Goethe definierte bekanntlich Entwicklung als Differenzierung und Subordination der Teile. Ludwig von Bertalanffy hat in seiner theoretischen Biologie diesen Vorgang mit großer Exaktheit dargestellt und viele Beispiele gebracht. W.H. Thorpe hat in seinem Buch »Science, Man and Morals« sehr überzeugend dargetan, daß die Entstehung einer Ganzheit aus einer Vielheit von verschiedenen Teilen, die dabei noch unähnlicher werden, das wichtigste schöpferische Prinzip in der Evolution ist: »Unity out of diversity«. Teilhard de Chardin schließlich hat dasselbe in die kürzeste und poetisch schönste Form gebracht: »Créer, c'est unir«. Schon bei der ersten Entstehung von Leben muss dieses Prinzip am Werke gewesen sein.


Das Nullpunkt-Feld / Lynne McTaggart

In Bezug auf das Universum kennt unser Körper keine Dualität von "Ich" und "Nicht-Ich", sondern nur ein einziges Energiefeld, das allem zugrunde liegt. Dieses Feld ist verantwortlich für unsere höchsten geistigen Funktionen und zugleich die Informationsquelle, die das Wachstum unseres Körpers lenkt. Es ist unser Gehirn, unser Herz, unser Gedächtnis - letztlich eine Blaupause der Welt für alle Zeit. Dieses Feld, und nicht Mikroben oder Gene, entscheidet letzten Endes darüber, ob wir gesund oder krank sind; hier liegt die Kraft, die wir anzapfen müssen, um wieder gesund zu werden.


Das Seiende und das Wesen / Thomas von Aquin

Es gibt also eine Verschiedenheit der Geister untereinander nach dem Grad der Potentialität und Aktualität, so, daß der höhere Geist, der dem Ersten (Gott) näher ist, mehr an Aktualität und weniger an Potentialität hat, und so hinsichtlich der übrigen. Und dies endet mit der menschlichen Seele, die die letzte Stufe unter den übersinnlich erkennenden Substanzen innehat. Daher verhält sich deren potentielle Vernunft zu den übersinnlich erkennbaren Formen so wie die erste Materie, die die letzte Stufe im sinnlich wahrnehmbaren Sein innehat, zu den sinnlich wahrnehmbaren Formen, wie der Kommentator zum 3. Buch von »Die Seele« sagt; und daher stellt der Philosoph die menschliche Seele einer Tafel gleich, auf der nichts geschrieben ist.


Das Geheimnis der Evolution / Gordon Rattray Taylor

Die Evolutionisten haben Scheuklappen getragen, weil sie ihre Probleme nach einer zu materialistischen und vereinfachenden Methode zu lösen versuchten. Aber der Trend der Zeit führt weg von den Gewißheiten und dem starren Denken des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Auf der ganzen Welt erkennt man nun mehr und mehr, daß das Leben komplexer und auch geheimnisvoller ist, als wir vermutet hatten. Die Wahrscheinlichkeit, daß manches niemals verstanden werden wird, erscheint uns nicht mehr so beängstigend wie früher einmal. Die Wahrscheinlichkeit, daß im Universum Kräfte am Werk sind, von denen wir noch kaum eine Ahnung haben, ist nicht mehr zu phantastisch, um in Betracht gezogen zu werden. Dies ist ein verheißungsvoller Schritt zur Befreiung des menschlichen Geistes.


Der Ekel / Jean-Paul Sartre

Also, ich war gerade im Park. Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in die Erde, genau unter dieser Bank. Ich erinnere mich nicht mehr, dass das eine Wurzel war. Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen, die schwachen Markierungen, die die Menschen auf ihrer Oberfläche aufgezeichnet haben. Ich saß da, etwas krumm, den Kopf gesenkt allein dieser schwarzen und knotigen, ganz und gar rohen Masse gegenüber, die mir Angst machte. Und dann habe ich diese Erleuchtung gehabt.


Das Wesen der Philosophie / Wilhelm Dilthey

In dem innerlichen Verkehr mit dem Unsichtbaren erfährt das naive Lebensbewußtsein eine Umwendung. In dem Grade, in welchem der Blick des religiösen Genies auf das Unsichtbare gerichtet ist und sein Gemüt in dem Verhältnis zu ihm aufgeht, verzehrt diese Sehnsucht alle Werte der Welt, sofern sie nicht dem Verkehr mit Gott dient. So entsteht das Ideal des Heiligen und die Technik der Askese, welche das Vergängliche, Begehrliche, Sinnliche im Individuum zu vernichten strebt. Das begriffliche Denken ist nicht imstande, diese Umwendung vom Sinnlichen zum Göttlichen auszudrücken. Sie wird in der Symbolsprache, die sich durch ganz verschiedene Religionen erstreckt, als Wiedergeburt bezeichnet, ihr Ziel als die Liebesgemeinschaft der menschlichen Seele mit dem göttlichen Wesen.


Von der Kunst, das Leben zu lieben / Michel de Montaigne

Wie auch immer - die Natur zwingt uns, zu sterben. Verlaßt diese Welt, sagt sie, wie ihr eingetreten seid. Denselben Weg, den ihr ohne Furcht und Schrecken vom Tod zum Leben gegangen seid, geht ihn zurück nun vom Leben zum Tod! Euer Tod ist ein Teil der Ordnung des Alls, er ist ein Teil des Lebens in der Welt. Unter allen, die da sterblich sind, kreist doch das Leben, weil sie sich, den Läufern gleich, die Fackel weitergeben. Soll ich etwa um euretwillen, fährt sie fort, dieses schöne Verwobensein der Dinge auseinanderreißen? Der Tod ist die Bedingung eurer Erschaffung, er ist ein Teil von euch - flieht ihr ihn, so flieht ihr vor euch selbst. Dieses euer Dasein, das ihr genießt, gehört zu gleichen Teilen dem Tod und dem Leben. Mit dem Tag euer Geburt brecht ihr auf, zu sterben wie zu leben: Die erste Stunde, die uns unser Leben gab, sie führt um eine Stunde näher uns ans Grab. // Mit dem Geborenwerden beginnt schon unser Sterben, denn Entstehen heißt Vergehen.


Wer bin ich? / Ramana Maharshi

Wird der subtile Geist durch den Intellekt und die Sinnesorgane nach außen gerichtet, treten Namen und Formen in Erscheinung. Bleibt er aber im Herzen, verschwinden sie. Wenn man dem Geist nicht erlaubt, nach außen zu wandern, und ihn im Herzen zurückhält, spricht man von »nach innen gerichtet sein«. Wird er nach außen gelassen, spricht man von »nach außen gerichtet sein«. Wenn der Geist auf diese Weise im Herzen verweilt, verschwindet der Gedanke »ich«, der die Ursache aller anderen Gedanken ist. Dann offenbart sich das Selbst, das immerwährend aus sich selbst erstrahlt. Wenn du dem Ich-Gedanken nicht den geringsten Platz einräumst, manifestiert sich deine wahre Natur. Das ist es, was gemeint ist, wenn man von »Schweigen« (Maunam) spricht.