Im Fluss des Daseins

Das riesige neuronale Netzwerk unseres Gehirns ist die ideale Voraussetzung dafür, dass der gesamte Organismus mit der Welt harmoniert, in der er lebt. Es macht Sinn, dass der Denkprozess nicht in unliebsame Gedankenketten verstrickt wird, sondern im Licht der vernunftbegabten Seele tätig ist und somit im Fluss bleibt mit dem, was momentan vor sich geht. Robert Lee Frost, einer der bedeutendsten Poeten des 20. Jahrhunderts, beschreibt es so: „Es gibt drei Wörter, die alles zusammenfassen, das ich über das Leben gelernt habe: Es geht weiter.“

Um in ständigem Kontakt zu bleiben mit dem fortschreitenden Lebensweg, sollten wir nicht auf den vorlauten Verstand hören, sondern auf das pochende Herz, das von Geburt an im Rhythmus des Lebens pulsiert. Der Verstand ist ein guter Kammerdiener, jedoch kein guter Lebensmeister, denn er tummelt sich auf dem Friedhof der Erinnerungen oder im Luftschloss der Erwartungen. Der kreative Fluss des Daseins jedoch strömt durch die Mitte und nicht über die Uferböschung von Vergangenheit oder Zukunft, so besagt es das ewige Schöpfungsgesetz.

Es ist die Evolution des Verstandes, die in den ersten Lebensjahren den Ich-Gedanken im Oberstübchen etabliert, und wenn wir das herzliche Mitgefühl empfinden wollen, sollten wir die Ichsucht kurieren. „Frei ist, wer der Knechtschaft des eigenen Ich entronnen ist. Sich selbst versklavt zu sein ist die schlimmste Knechtschaft“, bemerkt der Philosoph Seneca. Frei ist also der Mensch, der das Einheitsbewusstsein verinnerlicht hat, das sich beim Flow-Zustand offenbart, bei dem die psychologische Zeit in den Hintergrund tritt und nur die Wirklichkeit zählt.

Der Verlust der Wahrnehmung der Wirklichkeit führt zu unendlichem Leid - ein erfülltes Leben können wir nur führen, wenn wir uns selbst loslassen und besinnen auf Das, was wirklich wirklich ist. Das Erwachen aus dem Traum der psychologischen Zeit wirkt wie der Zündfunke der Erleuchtung in einem Raum voller Finsternis. Uns selbst ein Licht zu sein ist ein Ja zum wahren Leben, das nicht zu fassen ist, denn es fließt wie Wasser durch die hohle Hand. Nichts kann uns lebendiger machen als der Fluss des Daseins, der sich kraftvoll zum Ausdruck bringt.

Erich Fromm deutet es so: „Unser Empfinden und Verstehen von Zeit kann deutlicher werden mit den Begriffen Sein und Haben. Wenn wir uns auf die Existenzweise des Seins beziehen, dann gibt es nur ein Hier und Jetzt, nur in der Existenzweise des Habens bekommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihren Sinn. In der Existenzweise des Seins respektieren wir die Zeit, aber wir unterwerfen uns ihr nicht. In der Existenzweise des Seins ist die Zeit entthront; sie ist nicht länger Tyrann, der unser Leben beherrscht.“