Philosophie Convent

Mysterium des Lebens

Das Leben ist geheimnisvoll, denn vom Klitzekleinen bis zum Riesengroßen waltet eine schöpferische Intelligenz, die alle Moleküle der Natur zur Körperlichkeit formt. Alles Unsichtbare und Sichtbare ist miteinander verwoben und das unteilbare Ganze ist überlebenswichtig. Erst durch das Mystische belebt sich die gesamte Existenz und ohne das Geheimnisvolle könnten wir nichts erforschen, es gäbe nur das Altbekannte und keine Innovation. Diesbezüglich besagt Albert Einstein: „Wenn man nicht gegen den Verstand verstößt, kann man zu überhaupt nichts kommen.“ Darauf weist auch die folgende Textpassage aus seinem Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1932 hin:

„Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“

Der Philosoph Jakob Böhme beschreibt das »Seiende« im Buch Vom übersinnlichen Leben so: „Auch wenn dir Angst ist, so ist Gott nicht die Angst, aber seine Liebe ist da und führet dich aus der Angst in Gott.“ Der Philosoph Gabriel Marcel beschreibt es im Buch Geheimnis des Seins wie folgt: „Nur ein freies Wesen vermag dieser Art Schwerkraft zu widerstehen, welche die Existenz zum Ding hinzuziehen droht, zur Vergänglichkeit, die dem Ding anhaftet.“ Und vom Philosoph Søren Kierkegaard ist im Buch Reif für die Ewigkeit verbrieft: „Der Mensch muss begreifen, dass er nicht alles begreift; das Geheimnis des Seins kann er annehmen und verehren, verstehen kann er es nicht. Dabei hat er es zu belassen, denn es gibt gute Gründe dafür, dass uns das Wesentliche entzogen bleibt.“

Wenn wir das Tor zum Sein mit dem Schlüssel des Nichtwissens öffnen, beginnt die Reise ins Wunderbare: Im kleinsten Baustein der Materie liegt die Größe des Alls und Billionen von Geschehnissen mussten passieren, wie sie passiert sind, um als Mensch geboren zu werden. Die Weltordnung versorgt uns seit der Geburt mit Mitteln, ohne die das Leben unmöglich wäre. Wir brauchen Atemluft, Sonnenenergie und weitere Lebensmittel, und der Kosmos gibt sein Bestes, damit die Menschheit möglichst lange auf dem Erdenrund fortbestehen kann.

Wenn wir den Mikrokosmos des Körpers einmal unter die Lupe nehmen, können wir zunächst sehen, wie sich dort in jeder Sekunde rund 10 Millionen Zellteilungen abspielen. Jede Zelle besteht aus Atomen und keines der Atome, die im jetzigen Moment die Körperform erscheinen lassen, war bei unserer Geburt dabei - vielleicht war ja ein Atom unseres Herzmuskels vor ganz vielen Jahren im Ohr eines Dinosauriers beheimatet? Wenn wir den Mikrokosmos tiefer beleuchten, erkennen wir auch, dass in allen Atomen „gähnende Leere“ herrscht, denn es gibt im subatomaren Bereich keine feste Materie, nur die potentielle Energie der fundamentalen Wechselwirkungen.

Wenn wir auf der Erde, die seit Milliarden Jahren durch unsere Heimatgalaxie schwebt, durch ein Fernrohr in den Makrokosmos schauen, können wir staunend betrachten, dass unsere Milchstraße einen Weltraum umfasst, der so groß ist, dass ein Lichtstrahl 100.000 Jahre unterwegs wäre, um diese Strecke zu durchqueren. Nach Schätzungen von Astronomen soll es Trilliarden selbstleuchtender Sterne geben, zwischen denen unzählige kosmische Körper ihre schweigsamen Bahnen ziehen. Unser Heimatplanet Erde ist nur ein Staubkorn in der unbegrenzten Weite des Universums und eine allumfassende Weltanschauung ist sowohl befreiend als auch tröstlich.

Wenn wir zurück zoomen in den Mesokosmos, kommen wir auch nicht um die wissenschaftliche Annahme herum, dass die persönliche Welt in unserem Kopf interpretiert wird. Es ist paradox, denn wir schauen nicht nur auf einen Regenbogen, das Kopfhirn erzeugt ihn auch. Was immer wir anschauen; wir kennen nicht die Welt „an sich“, sondern die Welt „für uns“, die sozusagen im Gehirn erzeugt wird. Und der springende Punkt ist die philosophische Frage, die sich aus dem Füllhorn der Erkenntnisse ergibt: Was erschafft eigentlich die persönliche Welt, da unter der Schädeldecke keine greifbaren Sinneseindrücke, sondern feuernde Neuronen zu finden sind?

Vielleicht spielt der Funkverkehr zwischen Kopf und Bauch auch eine Rolle - das Kopfhirn ist ein Beziehungsorgan. Im universellen Netzwerk gibt es einige Hotspots und das Welträtsel des phänomenalen Bewusstseins (Qualia-Problem) ist ein großes Fragezeichen, an dem die Wissenschaftler wohl noch länger herumdoktern werden. Die Wissenschaft erzeugt immer wieder neues Wissen, veröffentlicht ihre Forschungsergebnisse immer wieder, und gibt auch Erklärungen für das, was nicht in Worte zu kleiden ist: Die göttliche Dimension des Seins.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, dessen Tractatus logico-philosophicus eines der rationalsten Lehrbücher ist, die je verfasst wurden, beschreibt es auf den letzten Seiten dieses Werkes mit folgenden Sätzen: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische. [...] Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinweg gestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist). Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“