Philosophie Convent

Reifung und Weisheit

„Ich war beruflich sehr erfolgreich und hatte mit 40 Jahren schon alles erreicht, was ich erreichen wollte: Mein Luxushaus, mein Segelboot, mein Sportwagen“. Die Aussage, seine materiellen Bedürfnisse realisiert zu haben, mag genügen, kann jedoch auch zur höchsten Herausforderung des menschlichen Lebens anregen, nämlich zur Transformation vom Haben zum Sein. Wenn uns die Ansammlung von Besitztümern immer weniger befriedigt, kann uns die immaterielle Dimension der Existenz immer mehr anziehen.

Das Immaterielle kann das Leben am meisten bereichern, darauf deutet zumindest ein Zitat der Schriftstellerin Pearl S. Buck hin: „Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ Das Leben besteht aus vielen Tagen, jeder Tag kann wundervoll enden, denn das Wunder des Lebens möchte in seinem kreativen Entfaltungsdrang nicht begrenzt werden, und wenn wir das Bedürfnis haben, menschlich zu reifen, können wir das wahre Selbst verwirklichen, das geheimnisvolle Sein.

Der Mensch ist ein Bedürfniswesen mit dem Ziel, über den Dingen zu stehen und gedankliche Hindernisse in die Quelle der Lebenskraft zu verwandeln. Abraham Maslow, der eine Bedürfnispyramide formulierte, beschreibt selbst-verwirklichende Menschen wie folgt: „Sie sind relativ frei von Angst dem Unbekannten, Mysteriösen, Rätselhaften gegenüber; sie fühlen sich davon oft positiv angezogen, d.h. sie suchen es selektiv aus, um darüber zu meditieren ...“

Der Lockruf der Reife führt uns geradewegs zum Berg der Erkenntnis, den wir wagemutig besteigen können, um jenseits der psychologischen Zeit das gesamte Potential wachzurufen, das in uns schlummert. Friedrich Nietzsche bringt in seinem Werk Menschliches, Allzumenschliches die folgenden Sätze zu Papier: „Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst. Entweder du kommst schon heute weiter hinauf, oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.“

Beim Aufstieg sind Intuition und Vernunft die beiden Steigeisen des Erkenntnisgewinns, die nach und nach den geistigen Ballast aus dem Rucksack entfernen, um mit Leichtigkeit die Bergspitze zu erklimmen und das Gipfelerlebnis zu verspüren, das  einfach göttlich ist. Es wirkt wie der Zündkunke der spirituellen Erleuchtung in einem Raum voller Finsternis. Über den dunklen Wolken der Glaubenssätze ist die Freiheit wohl grenzenlos und dort oben beflügelt uns die gelebte Weisheit.

Hermann Hesse bringt es in seinem Werk Siddhartha auf den Punkt: „Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit.“ „Scherzest du?“ fragte Govinda. „Ich scherze nicht, ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben hat.“