Philosophie Convent

Reifung und Weisheit

„Ich war beruflich sehr erfolgreich und hatte mit 40 Jahren schon alles erreicht, was ich haben wollte: Mein Luxushaus, mein Segelboot, mein Sportwagen“. Die Aussage, seine materiellen Bedürfnisse realisiert zu haben, mag genügen, kann jedoch auch dazu anregen, auf der Bedürfnispyramide bis zur Selbstverwirklichung, bis zur Transzendenz zu gelangen. Wahrlich ist die höchste Herausforderung des menschlichen Lebens die Transformation vom Haben zum Sein. Wenn uns die Ansammlung von Besitztümern immer weniger befriedigt, kann uns die immaterielle Dimension der Existenz immer mehr anziehen.

Das Immaterielle kann das Leben am meisten bereichern, darauf deutet ein Zitat der Schriftstellerin Pearl S. Buck hin: „Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ Das Leben besteht aus vielen Tagen und jeder neue Tag ist wundervoll und kann Einsichten bieten, die nie zuvor gegeben waren, wenn wir das Staunen nicht verlernt haben. Das Wunder des Lebens möchte in seinem kreativen Entfaltungsdrang nicht begrenzt werden, und wenn wir das Bedürfnis spüren, uns persönlich zu ent-wickeln und menschlich zu reifen, können wir das wahre Selbst verwirklichen, das zeitlose Sein.

Der Mensch ist ein Bedürfniswesen mit dem Reifungsziel, gedankliche Hindernisse in die Quelle der Lebenskraft zu verwandeln, die sich jenseits der psychologischen Zeit zur Entfaltung bringt. Der Lockruf der Reifung führt uns zum Berg der Erkenntnis, den wir besteigen können, um über den Dingen zu stehen und das gesamte Potential wachzurufen, das in uns schlummert. Friedrich Nietzsche bringt im Werk Menschliches, Allzumenschliches die folgenden Sätze zu Papier: „Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst. Entweder du kommst schon heute weiter hinauf, oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.“

Beim wagemutigen Aufstieg sind Intuition und Vernunft die Steigeisen des Erkenntnisgewinns, die Schritt für Schritt den geistigen Ballast aus dem Rucksack entfernen, um die hohe Bergspitze zu erklimmen und das Gipfelerlebnis zu empfinden. Es wirkt wie der Zündfunke der spirituellen Erleuchtung und über den dunklen Wolken der Glaubenssätze ist das Leben einfach göttlich. Dort oben beflügelt uns die Leichtigkeit des Seins mit der gelebten Weisheit, an die der Bibeltext erinnert: Wollte Gott, ihr schwieget, so wäret ihr weise.

Hermann Hesse bringt es im Werk Siddhartha auf den Punkt: „Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit.“ „Scherzest du?“ fragte Govinda. „Ich scherze nicht, ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben hat.“