Philosophie Convent

Reifung und Weisheit

Das Bedürfnis nach persönlicher Sicherheit ist eine Motivation des zivilisierten Menschen. Er möchte eine Versicherung gegen alle möglichen Gefahren, doch im Grunde gibt es keine absolute Sicherheit. Das Leben ist lebensgefährlich und endet meistens mit dem Tod. Das Leben ist ein faszinierendes Abenteuer, das wir wagen können, denn jedes Risiko bedeutet, etwas Neues zu beginnen. Bevor der Körper den letzten Atemzug macht, können wir den göttlichen Aspekt des Lebens erforschen. Wir können geistig in den Himmel streben und die Füße fest auf der Erde behalten, wir können Eins mit der ganzen Schöpfung sein, Eins mit Allem.

Die Bestimmung des Menschen ist, da sind sich echte Philosophen einig, auf der Maslowschen Bedürfnispyramide bis zur Selbstverwirklichung, bis zur immanenten Transzendenz emporzuschreiten, um die spirituelle Reife zu erlangen. Weiß Gott ist die höchste Herausforderung des menschlichen Lebens die Transformation vom Haben zum Sein, und wenn die niederen Bedürfnisse der Existenz abgesichert sind und das materialistische Weltbild immer weniger befriedigt, können uns die spirituellen Dimensionen der Existenz immer mehr erfüllen.

Das Spirituelle kann das menschliche Leben wahrhaftig bereichern, darauf deutet auch ein Zitat der Schriftstellerin Pearl S. Buck hin: „Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ Das Leben besteht aus vielen Tagen und jeder neue Tag kann wunderbare Einsichten bieten, die niemals zuvor gegeben waren, wenn wir das Staunen nicht verlernt haben. Das Wunder des Lebens möchte in seinem kreativen Entfaltungsdrang nicht begrenzt werden, und wenn das Bedürfnis aufkommt, sich persönlich zu entwickeln und spirituell zu reifen, kann der Mensch sich auf den Weg machen, um sämtliche Selbsttäuschungen zu durchschauen.

Der Mensch ist ein Bedürfniswesen mit dem hohen Reifungsziel, schlechte Energien in die natürliche Schöpferkraft zu verwandeln, die sich im Licht der Ewigkeit zur Entfaltung bringt. Der Lockruf der Reifung führt uns zum Berg der Erkenntnis, den wir wagemutig besteigen können, um gelassen über den Dingen zu stehen und das gesamte Potential wachzurufen, das in uns schlummert. Friedrich Nietzsche bringt im Werk Menschliches, Allzumenschliches die folgenden Sätze zu Papier: „Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst. Entweder du kommst schon heute weiter hinauf, oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.“

Kein anderer Mensch kann für uns emporsteigen, wir müssen es in eigenen Schuhen tun. Beim Aufstieg sind Intuition und Vernunft die Steigeisen des Erkenntnisgewinns, die den Gedankenmüll entsorgen, der schwer auf den Schultern liegt. Wenn sämtlicher Ballast aus dem geistigen Rucksack entfernt ist, können wir die Bergspitze erklimmen und das spirituelle Gipfelerlebnis erleben. Über den dunklen Wolken der Glaubenssätze ist die Freiheit grenzenlos und am Gipfel beflügelt uns die gelebte Weisheit mit der Leichtigkeit des Seins.

Hermann Hesse bringt es im Werk Siddhartha auf den Punkt: „Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit.“ „Scherzest du?“ fragte Govinda. „Ich scherze nicht, ich sage, was ich gefunden habe. Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht. Dies war es, was ich schon als Jüngling manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben hat.“