Philosophie Convent

Sinn, Krise und Suizid

Für den Wanderer soll der eigene Weg wahrhaftig sein, sonst ist es nicht sein Weg, sagt der Weise. Doch Irren ist sprichwörtlich menschlich und der Mensch kann sich auf dem Lebensweg verirren und fragen, wie es eigentlich weitergeht. In manchen Fällen kann er sogar in eine depressive Sinnkrise geraten, die eine Gedankenkette zur Folge hat, die sich als geistiger Frage-Antwort-Diskurs über mehrere Tage aufbaut. Die jeweilige Antwort kann negativ sein und keine vernünftige Lösungsmöglichkeit herbeiführen für die kritische Lebenssituation.

Das Denken kann zum Problem werden, wenn wir in eine persönliche Lebenskrise geraten. Denken ist eine wichtige geistige Funktion, jedoch nicht das höchste geistige Vermögen. Das wahre Leben erfordert geistige Klarheit und es ist der bewertende Verstand, dem der jetzige Moment nicht schön genug erscheint. Ein Beispiel dafür ist sein Jammern über das alltägliche Wetter, das wir ja nicht ändern können, und in kritischen Situationen hilft uns philosophische Aufklärung, um liebevoll aus einem depressiven Stimmungstief hervorzugehen.

Der depressive Tiefpunkt kann der Beginn des spirituellen Wachstums sein, auf dem man sich nach oben bewegen kann. Julien Green beschreibt es so: „Mitten im Chaos der Illusionen, in das wir kopfüber hineingeworfen sind, gibt es nur eines, das sich als wahr erweist - die Liebe.“ Liebe ist die Lebenskraft, und wenn wir uns für Herzensbildung erwärmen, können wir mitfühlend die Gegenwart erleben. Dann laufen wir nicht mehr Gefahr, in eine Grübelfalle zu stolpern, in der sich der depressive Gedanke einschleichen kann, sich das Leben zu nehmen.

Anmerkung: Bei einer suizidalen Krise bitte die Telefonseelsorge oder den Euronotruf 112 anrufen.

Der erste Welt-Suizid-Report der Weltgesundheitsorganisation beschreibt, dass sich im Jahr 2012 etwa 800.000 Menschen das Leben genommen haben, und viel mehr dachten darüber nach. Dachten darüber nach! Mögen die psychologischen Beweggründe noch so verschieden sein, ein Übeltäter ist der eigensinnige Verstand, der sich denkt: „Ich ... will nicht mehr leben!“, und der dem Körper sozusagen diktiert, den Ast des Lebensbaums abzusägen, an dem der Mensch von Geburt an reifen soll. Siehe: Ansprache zum Schulbeginn / Erich Kästner

Seiner Ansprache zum Schulbeginn ist zu entnehmen, dass wir naturverbunden am Baum des Lebens aufwachsen und Erich Kästner bezeichnet die Kindheit als „Leuchtturm“. Unschuldig erblicken wir bei unserer Geburt das Licht der Welt und das selige Glück der Kindheit kommt nicht auf den Gedanken, gewaltsam Hand an sich zu legen, er bildet sich erst in älteren Köpfen. Die Glückseligkeit des Kindes beginnt lange, bevor es geboren wird, und wenn der Mensch mit sich im Reinen ist, kann er sich beseelt dem Leben hingeben und es sinnvoll bejahen.

Im Buch Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn schreibt Viktor Frankl: „Ist Ihnen jemals die Paradoxie aufgefallen, daß die Fähigkeit des Auges, die Welt wahrzunehmen, abhängig ist von seiner Unfähigkeit, sich selbst wahrzunehmen? Wann sieht denn das Auge sich selbst oder etwas von sich selbst? Doch nur, wenn es erkrankt ist. Wenn ich an einem grauen Star leide, dann nehme ich ihn in Form eines Nebels wahr, den ich sehe, und wenn ich an einem grünen Star erkrankt bin, dann sehe ich, rings um die Lichtquellen, einen Hof von Regenbogenfarben.“

Weiterhin ist in diesem lebensbejahenden Werk zu lesen: „So oder so, in dem Maße, in dem das Auge etwas von sich selbst sieht, ist das Sehen auch schon gestört. Das Auge muß sich selbst übersehen können. Und genauso verhält es sich mit dem Menschen. Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergißt, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität.“