Philosophie Convent

Sinn, Krise und Suizid

„Ich fragte mich nach dem Sinn meines Lebens, und dies hatte eine Gedankenkaskade zur Folge, die als immer schnellerer Frage-Antwort-Diskurs ablief. Die jeweilige Antwort war stets negativ und die sich als Konsequenz ergebende nächste Frage hatte das gleiche Ergebnis. Als es zu dem Punkt kam, wie diese über mehrere Tage aufgebaute und eskalierende Marter des Grübelns zu beenden wäre, war ich mein eigener Befehlsempfänger - alternativlos.“

Diese Schilderung deutet an, dass das egoistische Denken zum schwerwiegenden Problem werden kann, und in kritischen Situationen benötigen wir Aufklärung, um erwacht aus dem geistigen Trübsinn hervorzugehen. Die bewusste Wahrnehmung erfordert einen klaren Geist und es ist immer der wertende Verstand, der im geistigen Oberstübchen eine gedankliche Krise einleitet, da ihm der wundervolle Moment nicht schön genug erscheint. Ein weltbekanntes Beispiel ist sein Meckern über das alltägliche Wetter, welches wir ja nicht wirklich ändern können. Tatsächlich ist als höchste Erkenntnisebene die Vernunft gefragt, von der Intuition ganz zu Schweigen.

Viele Menschen identifizieren sich in erster Linie mit ihrem Denken und nehmen nicht das wahr, was sich direkt vor ihrer Nase abspielt. Durch den Verlust der Wahrnehmung kann der Mensch sogar in eine Grübelfalle stolpern, in der durch ständiges Widerkäuen von Gedanken eine kritische Lebenssituation entstehen kann. Wenn wir Sinnkrisen, von denen höchstwahrscheinlich nur das Lebewesen Mensch betroffen wird, einmal einer genaueren Prüfung unterziehen, können wir erkennen, dass sie auch mit dem Gedankenkarussell zu tun haben, das um das Ego kreist. Wenn wir im Dunkeln tappen, kann sich sogar das Hirn­ge­spinst einschleichen, sich umzubringen.

Generell können sich suizidale Gedanken bei Menschen bilden, die mit sich selbst im Unfrieden sind, und der Suizid ist ein gesellschaftliches Problem. Der erste Welt-Suizid-Report der Weltgesundheitsorganisation beschreibt, dass sich Anno 2012 etwa 800.000 Menschen das Leben genommen haben, und viel mehr dachten darüber nach. Dachten darüber nach! Ein Übeltäter ist der egoistische Verstand, der sich denkt: „Ich ... will nicht mehr leben“ und dem Körper sozusagen diktiert, den Ast des Lebensbaums abzusägen, an dem der Mensch von Geburt an reifen soll.

Der Gedanke, vorzeitig den Lebensweg zu beenden, geht vielen verzweifelten Menschen durch den Kopf, obwohl schon in den zehn Geboten steht: „Du sollst nicht töten.“ Auch nicht dich selber, daher ist der Suizid eine philosophische Frage, die beantwortet wird durch den Hinweis, dass der Mensch sich nicht das Leben nehmen muss, sondern sich dem Leben hingeben kann, wenn er kein Gefangener seiner selbst ist, wenn er sich selbst überwunden hat.

Im Buch Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn von Viktor Frankl findet sich die Textstelle: „Diese Selbst-Transzendenz menschlicher Existenz läßt sich am besten erläutern anhand des Auges. Ist Ihnen jemals die Paradoxie aufgefallen, daß die Fähigkeit des Auges, die Welt wahrzunehmen, abhängig ist von seiner Unfähigkeit, sich selbst wahrzunehmen? Wann sieht denn das Auge sich selbst oder etwas von sich selbst? Doch nur, wenn es erkrankt ist.

Wenn ich an einem grauen Star leide, dann nehme ich ihn in Form eines Nebels wahr, den ich sehe, und wenn ich an einem grünen Star erkrankt bin, dann sehe ich, rings um die Lichtquellen, einen Hof von Regenbogenfarben. So oder so, in dem Maße, in dem das Auge etwas von sich selbst sieht, ist das Sehen auch schon gestört. Das Auge muß sich selbst übersehen können. Und genauso verhält es sich mit dem Menschen. Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergißt, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität.“