Sinnkrisen überwinden

„Ich habe eine Kaskade von quälenden Gedanken durchlebt, die als immer schnellerer Frage-Antwort-Diskurs ablief. Die jeweilige Antwort war stets negativ und die sich als Konsequenz ergebende nächste Frage hatte das gleiche Ergebnis. Als es schließlich zu dem Punkt kam, wie diese über mehrere Tage aufgebaute und eskalierende Marter des Verstandes zu beenden wäre, war ich mein eigener Befehlsempfänger - alternativlos.“

Diese Schilderung deutet an, dass Denken zum Problem werden kann - Aristoteles bemerkt in seinem Werk Nikomachische Ethik: „Auch das Denken schadet einem zuweilen an der Gesundheit.“ Wenn Fragen schwer auf den Schultern lasten oder uns sogar aus der Bahn werfen, können wir in eine Grübelfalle stolpern. Wir resignieren kraftlos im Stimmungstief und benötigen Orientierung, um energiegeladen aus der Seelenflaute hervorzugehen.

Wenn wir eine Sinnkrise, von der wahrscheinlich nur das Lebewesen Mensch betroffen wird, einer gründlichen Prüfung unterziehen, können wir erkennen, dass sie mit dem Gedankenkarussell zu tun hat, das um das konditionierte Ego kreist. Wenn sich Selbstzweifel in eine kritische Lebenssituation einschleichen, kann manchmal sogar der Gedanke entstehen, sich umzubringen, weil scheinbar nichts mehr da ist, für das es sich zu leben lohnt.

Der erste Welt-Suizid-Report der Weltgesundheitsorganisation beschreibt, dass sich im Jahr 2012 etwa 800.000 Menschen das Leben genommen haben, und viel mehr dachten darüber nach. Dachten darüber nach! Ein Übertäter scheint der richtende Verstand zu sein, der das Todesurteil fällt: „Ich ... will nicht mehr leben“, und dem Körper sozusagen diktiert, den Ast des Lebensbaums abzusägen, an dem der Mensch von Geburt an reifen soll.

Der Gedanke, vorzeitig den eigenen Lebensweg zu beenden, geht nachweislich vielen Menschen durch den Kopf, obwohl schon in den zehn Geboten steht: „Du sollst nicht töten.“ Auch nicht dich selbst, daher ist der Selbstmord eine philosophische Frage, die klar beantwortet wird durch den Hinweis, dass wir uns nicht das Leben nehmen sollen, sondern jedem Tag mehr Leben geben sollen, denn jeder Tag ist ein wundervolles Geschenk.

Wenn wir Erich Fromms Buch Die Pathologie der Normalität durchlesen, finden wir folgende Textstelle: „Seelische Gesundheit lässt sich als Syndrom eines nicht-entfremdeten, weitgehend narzissmusfreien, nicht geängstigten und nicht-destruktiven, kurzum, eines produktiven Menschen beschreiben. Seelisch gesunde Menschen sind - um es in einem Wort und ganz allgemein auszudrücken - fähig, sich für das Leben zu interessieren.“