Philosophie Convent

Wer oder was ist Gott?

Es war einmal ein spiritueller Schüler, der eines schönen Tages einen Meister besuchte und zu ihm sprach: „Seit frühester Jugend ahne ich, dass etwas existiert, was ich wirklich bin, und ich frage mich schon lange, was das ist. Diese Frage gibt mir bis heute keine Ruhe, ich hungere nach einer befriedigenden Antwort, und nun bin ich endlich hier.“ Der Meister lächelte und sprach zum Schüler: „Wie lautet deine Lebensfrage?“

Der spirituelle Schüler stellte dem Meister die Frage: „Wer oder was ist Gott?“ Daraufhin sagte der Meister: „Es gibt viele Fragen, doch ich freue mich, dass du mir heute diese essentielle Frage stellst. Leider wurde im Namen Gottes in der Vergangenheit viel Unheil angerichtet, in seinem Namen wurden fanatische Kreuzzüge geführt, und immer noch predigen falsche Propheten eifrig ihre Dogmen, die suchende Menschen in die Irre führen können. Doch das alles hat überhaupt nichts mit der wahren Bedeutung des Wortes »Gott« zu tun.

„Was soll ich demnach machen?“, fragte der Schüler neugierig. Der Meister sprach: „Mach dich auf den Weg, um dich selbst zu ergründen, denn es ist die höchste Herausforderung, das Göttliche zu verwirklichen. Sei nicht besessen von Dingen und materiellem Besitz, sondern entdecke deine wirkliche Natur. Begnüge dich nicht mit komfortablen Lügen, sondern durchschaue sämtliche Illusionen des Lebens. Am Anfang mag diese Innenschau nicht leicht sein, da dich ängstliche Hemmungen davon abhalten können, doch irgendwann leuchtet dir ein, was du wirklich bist. Diese Wahrheit kann nicht von anderen erworben werden, du trägst sie ewig in dir.“

Freude öffnete die Lippen des Schülers und seinem Mund entströmten dankbare Worte. Dann verabschiedete er sich vom Meister und kam nie wieder. Doch nach Jahren bekam der Meister eine Postkarte: „Lieber Meister, du hast eine Begeisterung vorgelebt, die echten Wahrheitsdurst in mir weckte und mich ermutigte, das ganze Potential wachzurufen, das in mir schlummerte. Also ging ich in mich, konnte die Schleier der Namen und Formen lüften und erkennen, was ich wirklich bin. Herzliche Grüße sendet ein ehemaliger Schüler.“

Und was ist die Moral dieser Geschichte? Die findet sich beispielsweise im Buch HARA - Die energetische Mitte des Menschen von Karlfried Graf Dürckheim, wo die Textstelle zu lesen ist: „Hinter, in und über allem, was ist, ahnt der Mensch das Große »ICH BIN« allen Lebens als die »Stille des göttlichen Seins«, aus dem alles Leben ausgeht, und in das es wieder eingeht. So verstanden meint das Große »ICH BIN« den allumfassenden göttlichen Geist, dessen Bildkräfte Wesen und Dingen Gestalt und dem Menschen Bewußtsein verleihen.