Philosophie Convent

Wer oder was ist Gott?

Es war einmal ein spiritueller Schüler, der einen Meister besuchte und zu ihm sprach: „Seit frühester Jugend ahne ich, dass jenseits des irdischen Jammertals etwas Himmlisches existiert, das mich ruft, und ich frage mich, was das wohl ist. Diese Frage gibt mir bis heute keine Ruhe, ich hungere nach einer befriedigenden Antwort, und nun bin ich endlich hier.“ Der Meister sah in die Augen des Besuchers und sagte: „Was ist deine Frage?“

Der spirituelle Schüler stellte die Frage aller Fragen: „Wer oder was ist Gott?“ „Das Wort »Gott« ist kein Substantiv, sondern ein Verb, und steht für das Mystische, das uns ein glückseliges Leben in der Gegenwart ermöglicht!“, erwiderte der spirituelle Meister mit stillem Lächeln. Wenig später fragte der Schüler nach: „Was soll das denn bedeuten?“ Daraufhin sagte der Meister: „Wir empfinden nur mit dem Herzen die zeitlose Einheit des Seins, und das Göttliche ist ein Kreis, dessen Peripherie nirgendwo und dessen Zentrum allgegenwärtig ist.

„Was soll ich also machen?“ „Mach dich auf den Weg, um dich zu ergründen! Sei nicht besessen von materiellem Besitz und begnüge dich nicht mit komfortablen Lügen, sondern durchschaue alle Illusionen, die sich im Gehirn angesammelt haben. Am Anfang mag das nicht leicht sein, da dich erlernte Ängste davon abhalten, doch irgendwann findest du inneren Frieden. Dann bist du reif für das Licht der Ewigkeit und brennst vor Liebe.

Freude öffnete seine Lippen, dem Mund entströmten dankbare Worte, und dann verabschiedete er sich. Er kam nie wieder, doch nach Jahren erreichte den Meister eine wunderschöne Postkarte mit folgendem Inhalt: „Lieber Meister, du hast eine Begeisterung vorgelebt, die echten Freiheitsdurst in mir weckte und mich ermutigte, mich bis zum Seelengrund zu erforschen. Ich studierte einige philosophische Bücher und meditierte unzählige Stunden. So ging ich stufenweise in mich, konnte sämtliche Schleier lüften und erkennen, was ich wirklich bin.“

Was ist die Moral von der Geschicht? Die steht beispielsweise im Werk Krieg und Frieden von Leo Tolstoi: „Das Leben ist alles. Das Leben ist Gott. Alles verändert sich, bewegt sich, und diese Bewegung ist Gott. Und solange Leben da ist, ist man sich auch mit Wonne der Gottheit in sich bewußt. Das Leben lieben heißt Gott lieben. Das Schwerste und Beseligendste von allem ist, dieses Leben bei eigenen Leiden, bei unschuldigen Leiden zu lieben.“