Literaturtipps

Dem Philosophen Voltaire wird das Zitat "Lesen stärkt die Seele" zugeschrieben, und tatsächlich kann das Studium der Literatur, welches uns die Weisen aller Völker hinterlassen haben, eine heilsame Wirkung erzielen, wenn es darum geht, dem Leben einen immer höheren, einen immer friedlicheren Sinn zu geben. Nachfolgend sind einige Textstellen aus Büchern aufgelistet, die vielleicht anregen können, ein ganzes Werk zu studieren.


Deutsche Predigten und Traktate / Meister Eckhart

Die Leute sagen: »Ach, ja, Herr, ich möchte gern, daß ich auch so gut zu Gott stünde und daß ich ebensoviel Andacht hätte und Frieden mit Gott, wie andere Leute haben, und ich möchte, mir ginge es ebenso oder ich wäre ebenso arm«, oder: »Mit mir wird's niemals recht, wenn ich nicht da oder dort bin und so oder so tue, ich muß in der Fremde leben oder in einer Klause oder in einem Kloster.«

Wahrlich, darin steckt überall dein Ich und sonst ganz und gar nichts. Es ist der Eigenwille, wenn zwar du's auch nicht weißt oder es dich auch nicht dünkt: niemals steht ein Unfriede in dir auf, der nicht aus dem Eigenwillen kommt, ob man's nun merkt oder nicht. Was wir da meinen, der Mensch solle dieses fliehen und jenes suchen, etwa diese Stätten und diese Leute und diese Weisen oder diese Menge oder diese Bestätigung - nicht das ist schuld, daß dich die Weise oder die Dinge hindern: du bist es selbst in den Dingen, was dich hindert, denn du verhälst dich verkehrt zu den Dingen.

Darum fang zuerst bei dir selbst an und laß dich! Wahrhaftig, fliehst du nicht zuerst dich selbst, wohin du sonst fliehen magst, da wirst du Hindernis und Unfrieden finden, wo immer es auch sei. Die Leute, die da Frieden suchen in äußeren Dingen, sei's an Stätten oder in Weisen, bei Leuten oder in Werken, in der Fremde oder in Armut oder in Erniedrigung - wie eindrucksvoll oder was es auch sei, das ist dennoch alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen völlig verkehrt, die so suchen. Je weiter weg sie in die Ferne schweifen, umso weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: je weiter der geht, um so mehr geht er in die Irre. Aber, was soll er denn tun? Er soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen. Fürwahr, ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen. Läßt der Mensch aber von sich selbst ab, was er dann auch behält, sei's Reichtum oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen.


Der Ego-Tunnel / Thomas Metzinger

Eines der spannendsten neuen Forschungsgebiete in der Psychologie ist das sogenannte Mind Wandering. Unser Geist wandert. Er wandert viel häufiger als die meisten von uns denken, nämlich bis zu 50 Prozent unseres Wachlebens, und wir zahlen einen hohen Preis dafür. Mind Wandering wirkt sich negativ auf die Stabilität unseres geistigen »Arbeitsspeichers« und auf mathematische Fähigkeiten aus, aber etwa auch auf die Sicherheit beim Autofahren und eine Vielzahl anderer Aktivitäten, bei denen es wichtig ist, dass man den Kontakt zum Jetzt nicht verliert.


Die Elenden / Victor Hugo

Die Algebra findet Anwendung auf die Wolken; die Strahlen der Sterne nützen der Rose; kein Denker wird zu behaupten wagen, daß der Duft des Hagedorns den Gestirnen nicht zu Gute komme. Wer vermag die Wanderungen eines Moleküls zu berechnen? Was wissen wir, ob nicht Entstehungen von Welten durch den Fall von Sandkörnern hervorgerufen werden? Wer kennt die gegenseitigen Beziehungen des unendlich Großen und des unendlich Kleinen, den Wiederhall der Ursachen in den Abgründen des Seins und die Lawinen der Schöpfung. Eine Milbe hat ihre Wichtigkeit, das Kleine ist groß, das Große klein; alles ist im Gleichgewicht kraft der Notwendigkeit. Welch eine erschreckliche Vision für den Verstand! Zwischen den Lebewesen und den Dingen bestehen wunderbare Verknüpfungen: in dem unerschöpflichen Ganzen verachtet das Hohe, das Geringe, die Sonne die Blattlaus nicht; Eines bedarf des Andern. Das Licht nimmt irdische Düfte mit in den Himmelsraum, ohne zu wissen, was es damit macht; die Nacht träufelt Sternenessenz auf die schlummernden Blumen herab. Alle Vögel, die da fliegen, tragen an ihren Pfötchen den Faden des Unendlichen mit sich. Für die Natur ist die Entstehung eines Meteors und das Herauskriechen der Schwalbe aus dem Ei ein Vorgang, für sie ist die Geburt eines Regenwurms und eines Sokrates dieselbe Arbeit. Wo das Fernrohr aufhört, beginnt die Tätigkeit des Mikroskops. Welches von Beiden sieht mehr und Größeres?


Die Rückseite des Spiegels / Konrad Lorenz

Viele Denker, Philosophen wie Naturforscher, haben erkannt, daß der Fortschritt im organischen Werden fast immer dadurch erzielt wird, daß eine Anzahl von einander verschiedener und bis dahin unabhängig von einander funktionierender Systeme zu einer Einheit höherer Ordnung integriert wird und daß, im Verlaufe dieser Integration, Veränderungen in ihnen auftreten, die sie zur Mitarbeit in dem neu entstehenden übergeordneten System-Ganzen geeigneter macht. Goethe definierte bekanntlich Entwicklung als Differenzierung und Subordination der Teile. Ludwig von Bertalanffy hat in seiner theoretischen Biologie diesen Vorgang mit großer Exaktheit dargestellt und viele Beispiele gebracht. W.H. Thorpe hat in seinem Buch »Science, Man and Morals« sehr überzeugend dargetan, daß die Entstehung einer Ganzheit aus einer Vielheit von verschiedenen Teilen, die dabei noch unähnlicher werden, das wichtigste schöpferische Prinzip in der Evolution ist: »Unity out of diversity«. Teilhard de Chardin schließlich hat dasselbe in die kürzeste und poetisch schönste Form gebracht: »Créer, c'est unir«. Schon bei der ersten Entstehung von Leben muss dieses Prinzip am Werke gewesen sein.


Jetzt - Die Kraft der Gegenwart / Eckhard Tolle

Der Verstand ist ein hervorragendes Instrument, wenn er richtig benutzt wird. Bei falschem Gebrauch kann er allerdings sehr destruktiv werden. Genauer gesagt ist es nicht so, dass du deinen Verstand falsch gebrauchst, du gebrauchst ihn normalerweise überhaupt nicht. Er gebraucht dich. Das ist die Krankheit. Du hältst dich für deinen Verstand. Das ist die Wahnidee. Das Instrument hat die Macht über dich gewonnen.


Die Pathologie der Normalität / Erich Fromm

Freude, Energie, Glück - sie alle hängen vom Grad unserer Bezogenheit und Interessiertheit ab, das heißt, sie hängen in erster Linie davon ab, inwieweit wir mit der Realität unserer Gefühle und mit der Realität anderer Menschen in Berührung sind und diese nicht als Abstraktionen wie Waren auf dem Markt wahrnehmen. Zweitens erleben wir in diesem Prozeß des Bezogenseins uns selbst als eigenständige Größe, als ein Ich, das auf die Welt bezogen ist. Ich werde eins mit der Welt in meinem Bezogensein auf sie und zugleich nehme ich mich als ein Selbst, als eine Individualität, als etwas Einzigartiges wahr, weil ich bei diesem Prozeß des Bezogenseins gleichzeitig das Subjekt dieses Tätigseins, dieses Prozesses, dieses Mich-Beziehens bin. Ich bin ich und ich bin der andere Mensch. Ich werde mit dem Objekt meines Interesses eins, doch nehme ich mich bei diesem Prozeß selbst auch als Subjekt wahr.


Das Glasperlenspiel / Hermann Hesse

Du sagtest,“ meinte er, „daß du Mittel wissest, um mich glücklicher und heiterer zu machen. Aber du fragst gar nicht, ob ich das eigentlich begehre.“ „Nun,“ lachte Josef Knecht, „wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es in jedem Falle tun, mag er uns darum bitten oder nicht. Und wie solltest du es denn nicht suchen und begehren? Darum bist du ja hier, darum sitzen wir ja hier wieder einander gegenüber, darum bist du ja zu uns zurückgekehrt. Du hassest Kastalien, du verachtest es, du bist viel zu stolz auf deine Weltlichkeit und deine Traurigkeit, als daß du sie durch etwas Vernunft und Meditation erleichtern möchtest, und doch hat eine heimliche und unzähmbare Sehnsucht nach uns und unsrer Heiterkeit dich alle die Jahre geführt und gezogen, bis du wiederkommen und es noch einmal mit uns probieren mußtest.


Das Nullpunkt-Feld / Lynne McTaggert

In Bezug auf das Universum kennt unser Körper keine Dualität von "Ich" und "Nicht-Ich", sondern nur ein einziges Energiefeld, das allem zugrunde liegt. Dieses Feld ist verantwortlich für unsere höchsten geistigen Funktionen und zugleich die Informationsquelle, die das Wachstum unseres Körpers lenkt. Es ist unser Gehirn, unser Herz, unser Gedächtnis - letztlich eine Blaupause der Welt für alle Zeit. Dieses Feld, und nicht Mikroben oder Gene, entscheidet letzten Endes darüber, ob wir gesund oder krank sind; hier liegt die Kraft, die wir anzapfen müssen, um wieder gesund zu werden.


Meditation für Skeptiker / Ulrich Ott

In der Meditation können sie Selbsterkenntnisse gewinnen, die Ihnen Antworten auf die Frage liefern, wer Sie sind und was Sie in ihrem Leben verwirklichen möchten. Sie können sich für eine kurze Zeit aus dem Alltag zurückziehen, um sich auf sich selbst zu besinnen und neu auszurichten. Auf diese Weise wirken Sie der Gewöhnung und Abstumpfung entgegen. Machen Sie sich klar, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist. Setzen Sie sich mit dem eigenen Tod auseinander und damit, dass er Sie jederzeit ereilen kann. Sind Sie bereit zu sterben? Wenn Sie in der Meditation über diese Frage reflektieren, führt Sie dies automatisch zu einer übergeordneten Perspektive auf ihr Leben. Im Bewusstsein Ihrer Sterblichkeit - was ist der Sinn Ihres Lebens?


Psychologie des Seins / Abraham A. Maslow

Wir begegnen einem schwierigen Paradox, wenn wir versuchen, die komplexe Haltung der wachstums-orientierten, selbst-verwirklichenden Person gegenüber dem eigenen Selbst oder Ich zu beschreiben. Gerade die Person, deren Ich-Stärke am höchsten ist, vergisst oder transzendiert am leichtesten das Ich; sie kann am meisten problembezogen, selbstvergessen, spontan in ihren Aktivitäten, homonom sein, um Angyals Begriff zu verwenden. In solchen Menschen kann das Aufgehen im Wahrnehmen, im Machen, im Genießen, im Schöpferischen sehr vollständig, integriert und rein sein.


Das Seiende und das Wesen / Thomas von Aquin

Es gibt also eine Verschiedenheit der Geister untereinander nach dem Grad der Potentialität und Aktualität, so, daß der höhere Geist, der dem Ersten (Gott) näher ist, mehr an Aktualität und weniger an Potentialität hat, und so hinsichtlich der übrigen. Und dies endet mit der menschlichen Seele, die die letzte Stufe unter den übersinnlich erkennenden Substanzen innehat. Daher verhält sich deren potentielle Vernunft zu den übersinnlich erkennbaren Formen so wie die erste Materie, die die letzte Stufe im sinnlich wahrnehmbaren Sein innehat, zu den sinnlich wahrnehmbaren Formen, wie der Kommentator zum 3. Buch von »Die Seele« sagt; und daher stellt der Philosoph die menschliche Seele einer Tafel gleich, auf der nichts geschrieben ist.


Was weiß der Frosch vom Ozean / Anthony de Mello

Zu viele Menschen leben kopfgesteuert; sie sind sich meist nur der Gedanken und Phantasien in ihren Köpfen bewusst und viel zu wenig der Tätigkeit der Sinne. Die Folge davon ist, dass sie selten im gegenwärtigen Augenblick leben. Sie halten sich fast immer in der Vergangenheit oder in der Zukunft auf. In der Vergangenheit, wenn sie Fehler bedauern, die sie früher begangen haben, sich wegen vergangener Sünden schuldig fühlen, sich ihre eigenen Leistungen in der Vergangenheit vor Augen führen oder Groll hegen wegen der Beleidigungen, die ihnen andere einmal zugefügt haben. Oder in der Zukunft, indem sie mögliches Unheil und mögliche unerfreuliche Begebenheiten befürchten, sich erwartungsvoll mit Zukunftsfreuden beschäftigen und von zukünftigen Ereignissen träumen.


Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie / Johann Wolfgang Goethe

In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien, es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung dieser Phänomene, dieser Begebenheiten? Wir haben oben gesehen, daß diejenigen am ersten dem Irrtume unterworfen waren, welche ein isoliertes Faktum mit ihrer Denk- und Urteilskraft unmittelbar zu verbinden suchten. Dagegen werden wir finden, daß diejenigen am meisten geleistet haben, welche nicht ablassen alle Seiten und Modifikationen einer einzigen Erfahrung, eines einzigen Versuches, nach aller Möglichkeit durchzuforschen und durchzuarbeiten.


Kritik der reinen Vernunft / Immanuel Kant

Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft. In diese Verlegenheit gerät sie ohne ihre Schuld. Sie fängt von Grundsätzen an, deren Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich und zugleich durch diese hinreichend bewährt ist. Mit diesem steigt sie (wie es auch ihre Natur mit sich bringt) immer höher, zu entfernteren Bedingungen. Da sie aber gewahr wird, daß auf diese Art ihr Geschäft jederzeit unvollendet bleiben müsse, weil die Fragen niemals aufhören, so sieht sie sich genötigt, zu Grundsätzen ihre Zuflucht zu nehmen, die allen möglichen Erfahrungsgebrauch überschreiten und gleichwohl so unverdächtig scheinen, daß auch die gemeine Menschenvernunft damit im Einverständnisse steht. Dadurch aber stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche, aus welchen sie zwar abnehmen kann, daß irgendwo verborgene Irrtümer zum Grunde liegen müssen, die sie aber nicht entdecken kann, weil die Grundsätze, deren die sich bedient, da sie über die Grenze aller Erfahrung hinausgehen, keinen Probierstein der Erfahrung mehr anerkennen. Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphysik.


Der Mythos des Sisyphos / Albert Camus

Manchmal stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus - das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das "Warum", und mit diesem Überdruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. "Fängt an" - das ist wichtig. Der Überdruß steht am Ende der Handlungen eines mechanischen Lebens, gleichzeitig leitet er aber auch eine Bewußtseinsregung ein. Er weckt das Bewußtsein und fordert den nächsten Schritt heraus. Der nächste Schritt ist die unbewußte Rückkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen.


Menschliches Allzumenschliches / Friedrich Nietzsche

Die allgemeine ungenaue Beobachtung sieht in der Natur überall Gegensätze (wie z. B. warm und kalt), wo keine Gegensätze, sondern nur Gradverschiedenheiten sind. Diese schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun auch noch die innere Natur, die geistig-sittliche Welt, nach solchen Gegensätzen verstehen und zerlegen zu wollen. Unsäglich viel Schmerzhaftigkeit, Anmaßung, Härte, Entfremdung, Erkältung ist so in die menschliche Empfindung hineingekommen dadurch, dass man Gegensätze an Stelle der Übergänge zu sehen meinte.


Das Geheimnis der Evolution / Gordon Rattray Taylor

Die Evolutionisten haben Scheuklappen getragen, weil sie ihre Probleme nach einer zu materialistischen und vereinfachenden Methode zu lösen versuchten. Aber der Trend der Zeit führt weg von den Gewißheiten und dem starren Denken des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Auf der ganzen Welt erkennt man nun mehr und mehr, daß das Leben komplexer und auch geheimnisvoller ist, als wir vermutet hatten. Die Wahrscheinlichkeit, daß manches niemals verstanden werden wird, erscheint uns nicht mehr so beängstigend wie früher einmal. Die Wahrscheinlichkeit, daß im Universum Kräfte am Werk sind, von denen wir noch kaum eine Ahnung haben, ist nicht mehr zu phantastisch, um in Betracht gezogen zu werden. Dies ist ein verheißungsvoller Schritt zur Befreiung des menschlichen Geistes.


Der Ekel / Jean-Paul Sartre

Also, ich war gerade im Park. Die Wurzel des Kastanienbaums bohrte sich in die Erde, genau unter dieser Bank. Ich erinnere mich nicht mehr, dass das eine Wurzel war. Die Wörter waren verschwunden und mit ihnen die Bedeutung der Dinge, ihre Verwendungsweisen, die schwachen Markierungen, die die Menschen auf ihrer Oberfläche aufgezeichnet haben. Ich saß da, etwas krumm, den Kopf gesenkt allein dieser schwarzen und knotigen, ganz und gar rohen Masse gegenüber, die mir Angst machte. Und dann habe ich diese Erleuchtung gehabt.


Der Prophet / Khalil Gibran

Und eine Frau sprach und sagte: Erzähle uns vom Schmerz. Und er sagte: Euer Schmerz ist das Aufbrechen der Schale, die euer Verstehen umschließt. Ebenso wie der Stein des Pfirsichs aufbrechen muss, damit sein Herz sich in die Sonne erheben kann, so müsst auch ihr den Schmerz erfahren. Und könntet ihr in eurem Herzen das Staunen über die täglichen Wunder eures Lebens wachhalten, erschiene euch der Schmerz nicht weniger wunderbar als eure Freude. Und ihr würdet die Jahreszeiten eurer Seele ebenso annehmen, wie ihr von jeher die Jahreszeiten angenommen habt, die über eure Felder ziehen. Und ihr würdet die Winter eures Kummers mit heiterer Gelassenheit durchwachen. Euer Schmerz ist großenteils selbst erwählt. Er ist der bittere Trank, mit dem der Arzt in euch euer krankes Selbst heilt. Vertraut also dem Arzt und trinkt seine Medizin ruhig und schweigend. Denn seine schwere und harte Hand gehorcht der sanften Hand des Unsichtbaren. Und der Becher, den er euch reicht verbrennt euch zwar die Lippen, doch er ist aus dem Ton geformt, den der Töpfer mit seinen eigenen heiligen Tränen benetzte.


Das Wesen der Philosophie / Wilhelm Dilthey

In dem innerlichen Verkehr mit dem Unsichtbaren erfährt das naive Lebensbewußtsein eine Umwendung. In dem Grade, in welchem der Blick des religiösen Genies auf das Unsichtbare gerichtet ist und sein Gemüt in dem Verhältnis zu ihm aufgeht, verzehrt diese Sehnsucht alle Werte der Welt, sofern sie nicht dem Verkehr mit Gott dient. So entsteht das Ideal des Heiligen und die Technik der Askese, welche das Vergängliche, Begehrliche, Sinnliche im Individuum zu vernichten strebt. Das begriffliche Denken ist nicht imstande, diese Umwendung vom Sinnlichen zum Göttlichen auszudrücken. Sie wird in der Symbolsprache, die sich durch ganz verschiedene Religionen erstreckt, als Wiedergeburt bezeichnet, ihr Ziel als die Liebesgemeinschaft der menschlichen Seele mit dem göttlichen Wesen.


Von der Kunst, das Leben zu lieben / Michel de Montaigne

Eine der größten Wohltaten der Tugend ist die Verachtung des Todes: Sie gibt unserm Leben eine gelassene Ruhe und läßt uns dessen reinen und lieblichen Geschmack genießen, ohne den jede andere Lust schal wird. Das ist der Grund, warum alle philosophischen Lehren sich in diesem Punkt treffen und vereinigen. Gewiß leiten sie uns auch in voller Einhelligkeit dazu an, den Schmerz, die Armut und andre Widerwärtigkeiten zu verachten, denen das Menschenleben ausgesetzt ist; sie tun es jedoch nicht mit gleichem Nachdruck, teils weil diese Übel keineswegs so zwangsläufig sind (denn die meisten menschen verbringen ja ihr Leben, ohne den bitteren Geschmack der Armut kennenzulernen, und manche sogar, ohne Schmerz und Krankheit zu erleiden), teils auch, weil der Tod schlimmstenfalls den Hahn, wenn wir wollen, zudrehen und damit alles Ungemach beenden kann.


Primaten und Philosophen / Frans de Waal

Unsere soziale Ausrichtung ist so offensichtlich, dass es überflüssig wäre, auf diesem Punkt herumzureiten, wenn in den Disziplinen Jura, Wirtschaft und Politik kein so auffälliger Mangel an Ursprungsgeschichten herrschte. Im Abendland gibt es die Neigung, Emotionen als verweichlicht und soziale Bindungen als chaotisch zu betrachten, so dass sich die Theoretiker lieber der Kognition als der maßgeblichen Seite menschlichen Verhaltens zugewandt haben. Wir feiern die Rationalität. Und dies, obwohl die psychologische Forschung nahe legt, dass menschliches Verhalten zuallererst aus schnellen, automatisierten emotionalen Einschätzungen herrührt und nur in zweiter Linie aus langsameren Bewusstseinsvorgängen.


Die Bestimmung des Menschen / Johann Gottlieb Fichte

Die Sonne gehet auf, und gehet unter, und die Sterne versinken, und kommen wieder und alle Sphären halten ihren Zirkeltanz; aber sie kommen nie so wieder, wie sie verschwanden, und in den leuchtenden Quellen des Lebens ist selbst Leben und Fortbilden. Jede Stunde, von ihnen herbeigeführt, jeder Morgen und jeder Abend sinkt mit neuem Gedeihen herab auf die Welt; neues Leben, und neue Liebe entträufelt den Sphären, wie die Thautropfen der Wolke, und umfängt die Natur, wie die kühle Nacht die Erde.   So lebe, und so bin ich, und so bin ich unveränderlich, fest, und vollendet für alle Ewigkeit; denn dieses Sein ist kein von außen angenommenes, es ist mein eigenes, einiges wahres Sein, und Wesen.


Von Allem und vom Einen / Dschalal ad-Din ar-Rumi

Wenn du einen Fehler in deinem Bruder siehst, so ist der Fehler, den du in ihm siehst, in dir selber. Die Welt ist ja gleich einem Spiegel, in dem du dein eigenes Bild siehst, denn der Gläubige ist der Spiegel des Gläubigen. Reinige dich von dem Fehler in dir; denn was dich im anderen schmerzt, schmerzt dich (in Wirklichkeit) in dir selber. Alle schlechten Eigenschaften wie Unterdrückung, Hass, Neid, Gier, Unbarmherzigkeit, Lust, Zorn, Stolz - wenn sie in dir sind, schmerzt es dich nicht. Wenn du sie aber in einem anderen wahrnimmst, dann scheust du davor, und es schmerzt und verletzt dich - doch wisse, dass du vor dir selbst scheust.


Wer bin ich? / Ramana Maharshi

Wird der subtile Geist durch den Intellekt und die Sinnesorgane nach außen gerichtet, treten Namen und Formen in Erscheinung. Bleibt er aber im Herzen, verschwinden sie. Wenn man dem Geist nicht erlaubt, nach außen zu wandern, und ihn im Herzen zurückhält, spricht man von »nach innen gerichtet sein«. Wird er nach außen gelassen, spricht man von »nach außen gerichtet sein«.

Wenn der Geist auf diese Weise im Herzen verweilt, verschwindet der Gedanke »ich«, der die Ursache aller anderen Gedanken ist. Dann offenbart sich das Selbst, das immerwährend aus sich selbst erstrahlt. Wenn du dem Ich-Gedanken nicht den geringsten Platz einräumst, manifestiert sich deine wahre Natur. Das ist es, was gemeint ist, wenn man von »Schweigen« (Maunam) spricht.


Tao-Te-King / Lao Tse

Dreißig Speichen gehören zu einer Nabe, doch erst durch das Nichts in der Mitte kann man sie verwenden; man formt Ton zu einem Gefäß, doch erst durch das Nichts im Innern kann man es benutzen; man macht Fenster und Türen in das Haus, doch erst durch das Nichts in den Öffnungen erhält das Haus seinen Sinn. Somit entsteht der Gewinn durch das, was da ist, erst durch das, was nicht da ist.